Lob des Imperfekt

1.: „Ohne Schuhe ging ich zunächst auf Zehenspitzen, dann lief ich, stieg die Treppen hinauf und erklomm die Häuser, um den als gefahrvoll bekannten Platz des Albaicín zu erreichen" (Jean Genet: Das Totenfest, 217).

2.: „Dr. Siebenschein zog hinter diesen Büchern eine Flasche hervor, und dann nahm er vier Gläschen aus einem ebensolchen Wandschränklein mit Butzenscheiben, wie es drüben hing" (Heimito von Doderer, Die Dämonen, 463).

3.: „Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius drohte, den Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte" (Heinrich Mann: Der Untertan, 231). 

Drei Beispiele von unzähligen: Sobald ein großer Sprachmeister erzählt, wählt er die Zeitform des «Vorangegangenen», also das Praeteritum, auch Imperfekt genannt. Das klappernde Perfekt aber bleibt für erzählerische Zwecke so gut wie tabu. Ein Schriftsteller ist – nach der geflügelten Definition Thomas Manns – der «raunende Beschwörer des Imperfekt».

Ganz anders im gesprochenen Text der mündlichen Rede, wo den Alltag das Perfekt dominiert: «Und dann, als Papa nach Hause gekommen ist, da hat Mutter schnell die Pfanne auf den Herd gesetzt. Und dann haben wir alle zusammen Abendbrot gegessen». Der eilige Tagesjournalismus eifert diesem Beispiel oft nach: «Der polnische Premier hat auf der Veranstaltung die Bundeskanzlerin scharf angegriffen». «Das Unternehmen XYZ hat im letzten Geschäftsjahr sein Betriebsergebnis erneut um 20 Prozent gesteigert». «Der Oppositionsführer hat die Entschuldigung als unzureichend zurückgewiesen». 

Satzlogisch übrigens sehen nur noch grammatische Haarspalter einen Unterschied beim Gebrauch von Perfekt und Imperfekt: Ob der Postbote die Post nun brachte oder gebracht hat, ändert am Sinn nur wenig: die alte Unterscheidung zwischen «unvollendeter» und «vollendeter Vergangenheitsform» konnten uns schon unsere Lehrer kaum noch logisch erklären.

Dort, wo der Journalismus ans Dilettantische grenzt oder in Lohnschreiberei übergeht, dort ist die Flucht ins Perfekt gang und gäbe. Gute Journalisten dagegen greifen zum Imperfekt, ja man erkennt sie geradezu daran. Leider aber ist auch in vielen Blogs noch das Perfekt die Regel, obwohl mit dem klangvolleren und auch satztechnisch unproblematischeren Imperfekt viel stärkere Sprachwirkungen zu erzielen wären. Wie kommt's? 

Meines Erachtens hängt diese missliche Vorliebe mit den häufig unregelmäßigen Verbformen im Praeteritum zusammen. Bei ihnen – schließlich sind sie ja «unregelmäßig» – kann der Schreiber nur aus Erfahrung wissen, wie sie vom Verbstamm ausgehend gebildet werden müssen. Weshalb bspw. ein Verb wie „tragen" im Imperfekt zu „trugen" mutiert und auf dem «u» rummunkelt. Während das Verb „fallen" stattdessen zu „fielen" wird und auf dem «i» tiriliert. So etwas ist nicht mit irgendwelchen Regeln zu erklären, sondern nur durch viel Erfahrung beim Lesen und Sprechen: echtes «Learning by doing» also. Insbesondere Wenigleser und Wenigschreiber haben daher größte Schwierigkeiten, sie kämpfen mit dem Imperfekt und müssen den Duden zu Rate ziehen. Während unsere Bürokraten diese Form gar nicht mehr intus haben: «Der Gesetzgeber hat am … eine Novelle vorgelegt. Demnach haben Sie bisher einen zu geringen Satz für … gezahlt. Durch diesen Bescheid hat das XYZ-Amt Sie jetzt neu veranlagt … ». Hier ist das Perfekt nur mehr eine ratternde, klappernde und tote Zeitform, die vor Büromilben staubt.

Die große Regel lautet daher: Einem lebendigen Text angemessen ist nur die volltönende Klangwelt des Imperfekt, die wir zu erzählerischen Zwecken auch in den Blogs nutzen sollten, wann immer wir ein Ereignis schildern. So erzielen wir mehr Wirkung und einen starken «Eindruck»: «Da platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit, die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knöchel, Seiner Exzellenz lief es aus Ärmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, dass die Zeltdächer sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren nassen Umschlingungen wälzten links und rechts sich schreiende Massen». Who dunnit?   

2 Meinungen

  1. Heinrich Mann, Der UntertanFreundliche GrüßeMike Seeger

  2. Yep – das ist aus dem großen Finale im «Untertan».

Schreiben Sie Ihre Meinung

Ihre Email-Adresse wird Mehrere Felder wurden markiert *

*

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.