Last Exit: Passiv

Auch und gerade Firmenblogs leiden an dieser Seuche – und der sprichwörtliche Schotte gibt sein Geld leichter aus, als dass den Verantwortlichen dort ein ‚Ich‘ oder auch nur ein ‚Wir‘ über die Lippen käme. Wie man aber auch die ‚Opferrolle‘ mit Hilfe des Passiv hervorragend perpetuieren kann, obwohl das Opfer inzwischen ein ‚Täterprofil‘ trägt, das fiel mir heute wieder auf:

Im Nahost-Konflikt sind die Palästinenser trotz Sprengstoffgürtel und Katjusha-Raketen die ‚Opfer‘, das ist dem Mainstream zumindest klar. Ein Asterix-Schema prägt das Bewusstsein, ein kleines Gallierdorf gegen die römische Weltmacht in Washington und Haifa. Der dazugehörige Sprachgebrauch hat sich im Westen über die Jahre eingeschlichen, er bildet den intermedialen Konsens, ihn sind wir gewohnt. Ich will darüber auch gar nicht rechten, sonst gerate ich zwischen Statler & Waldorf und Che’s Warblog in Teufels Küche, resp. ins ideologische Kreuzfeuer.

Fakt aber ist, dass zumindest im Gaza-Streifen derzeit offener Bürgerkrieg herrscht: Menschen werden vor laufender Kamera von Hochhäusern gestürzt, Kämpfer dringen in Krankenhäuser ein und metzeln Frauen und Kinder nieder, das Blut fließt in Strömen aus jeder dieser vielfach zerschossenen Fensterhöhlen. Mich interessiert es an dieser Stelle auch nicht, ob es nun religiöse Hamas- oder weltliche Fatah-Kämpfer sind, die sich so ‚entmenscht‘ verhalten. Eins aber ist klar: Weit und breit ist in diesem Konflikt kein Amerikaner, kein Israeli, kein iranischer Mudjaheddin und auch kein Al-Qaida-Kämpfer zu sehen. Es sind die palästinensischen Kämpfer selbst und ihre Kommandeure, die sich derzeit so und nicht anders benehmen.

Das zähe sprachliche Ursprungsmuster aber lebt fort – und wenn es sich ins Dickicht des Passiv flüchten muss. Denn die Sprache ist eine große Traditionalistin, die alte Denkfiguren höchst flexibel bewahren kann. In einem Interview sagt heute zum Beispiel der Psychiater Eyad al-Sarraj, Leiter des Community Health Programme in Gaza, nicht etwa, die Palästinenser seien brutal, obwohl dies den Tatsachen entsprechen würde. Er sagt: „Die Palästinenser sind brutalisiert worden". Auch als Tätern bleibt ihnen damit ihr passivischer Opferstatus erhalten. Nebenbei – wenn das einreißen sollte, dann höre ich den Rieger schon trapsen: „Dieser SS-Mann ist doch kein brutaler Mensch. Er ist durch die Fronterfahrungen des Ersten Weltkriegs nur brutalisiert worden". Mit anderen Worten: Das Passiv leistet hervorragende Dienste bei der Fälschung der Welt

Eine Meinung

  1. Dieses sprachliche Drücken vor Verantwortung reicht bis dahin, dass einem amtliche Post auf den Tisch flattern kann, in der der komplette Sachverhalt im Passiv dargestellt wird, kein Ansprechpartner genannt wird und die statt seiner angegebene Telefonnummer nur noch in die TK-Zentrale leitet, wo man dann anonym weiterverbunden wird.Und unterschrieben wird auch nicht mehr („…elektronisch erstellt“), so dass sich der eigentlich Verantwortliche, falls man ihn trotz aller Verschleierungsmühen doch ermitteln sollte, im Fehlerfall noch blanko auf einen technischen Fehler zurückziehen kann.

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