Ideologie und Text

Ideologische Texte sind unglaubwürdige, vor allem aber langweilige Texte. Auch den kleinen Gotteskriegern wird das eines Tages auffallen, denen heute noch in jeder Koranschule vorgelogen wird, wie selig der kleine Ibrahim wurde, weil er sich auf einem Marktplatz in die Luft sprengen durfte. Geködert werden sie mit dem Genre der Sonntagsschulgeschichten. Irgendwann gehen die allen richtigen Jungen so auf den Keks, wie dem Tom Sawyer bei Mark Twain. Erst recht aber uns Erwachsenen. Weil Ideologien und Menschen nun mal nicht zusammenpassen.

Ob Feministinnen-Klage, Freikorps-Roman oder Proletarier-Epos – immer steht in solchen Puppentheatern alles schon fest, bevor wir die erste Zeile gelesen haben. Nehmen wir hier als Beispiel den Otto Gotsche – einen kommunistischen Arbeiterautor aus dem Bund proletarischer Schriftsteller, der später Sekretär des Staatsrates der DDR wurde (das ist so ein Generalsekretärsposten wie ihn heute ein Markus Söder bei der CSU innehat). Ein mächtiger Mann also, der aber weiterhin Romane schrieb, ein Punkt, in dem sich die verblichene DDR tatsächlich erheblich von der BRD unterschied, wo Politik und Literatur immer Gegensätze blieben.

1953 schrieb Gotsche sein 500-Seiten-Epos «Tiefe Furchen», das die Notwendigkeit der Zwangskollektivierung thematisiert, und das zur Pflichtlektüre im Ulbricht-Staat wurde, wodurch es 1975 schon die 9. Auflage erlebte. Dass der literarische Erfolg an dieser Indoktrination lag, das will ich jedenfalls zugunsten der DDR-Bevölkerung hoffen, denn die ästhetischen Qualitäten, die aus diesem Oeuvre einen Reißer machen könnten, sind dünn gesät.

Eine Marionettenwelt wächst vor unseren Augen heran, immer getreu der marxistischen Lehre und strikt auf Linie des letzten ZK-Beschlusses: Da ist der Kleinbauer Hubert Lößner, wegen der „kapitalistischen Verhältnisse" auf dem absteigenden Ast, ein kommunistischer Proletarier in Gestalt des Dorfschusters kommt hinzu, ferner die deutschnationale Junkerklasse in Gestalt des Rittmeisters von Waalen und natürlich die raffende aufsteigende Kapitalistenklasse, verkörpert im Großbauern Korten, der sich aus seinen Landarbeiter-Kreaturen eine willige Schlägertruppe formt. Letzteres sind natürlich die Nationalsozialisten, allen voran der Trümpler mit seiner notgeilen Frau, die mit allen … naja. Diese Figuren handeln dann genauso wie im Lehrbuch beschrieben – die absteigende Feudalklasse schließt ein Bündnis mit der Kapitalistenklasse, die ihre Handlanger, die Faschisten, von der Kette lässt, woraufhin die Katastrophe eintritt … jaja, man kennt das.

Die Guten aber werden von der Partei gerettet: So fährt der Lößner in die Stadt zum örtlichen Büro, er erhält einiges an Lektüre und kommt instant-überzeugt und geläutert zurück, exakt so, wie es das volkspädagogische Programm der SED vorsieht: „Er las einige Hefte: So wie es ist, kann es nicht bleiben. Was da ist und den Menschen gehört, muß besser vereilt werden." Abrakadabra – schon ist der Lößner ein Genosse …

Die dick aufgetragene Erotik, diese allgegenwärtig wie Ferkel im Mehlsack wippenden Brüste, die sind wohl das, was dem Buch noch das meiste Interesse beim Publikum sichert. Da geht's zu wie im Kolportageroman: „Er griff brutal in ihre Haare und riß sie auf die Ottomane". Geht es aber an die hohe literarische Schule der Introspektion, soll der Leser erfahren, was IN den handelnden Figuren vorgeht, dann versagt Gotsche komplett, denn es gibt ja keine Ebene, wo die politischen Ansprüche der ideologischen «Klassiker» sich mit wirklichen Gefühlen von Menschen in Harmonie bringen ließen. So klingt's also immer wie Prophetie für Arme, wie ein drittklassiger Expressionist auf schlechtem Kokain, der wüste Fieberbilder statt plausibler Gedanken reiht. Gotsche täuscht mit Effektmacherei Leben vor: „Weit am Horizont sah er Brände und einen langen Zug Toter. Es war, als würge ihn jemand. Seine Hände wehrten sich dagegen. Dann rang er mit einem Gerippe". Über alles streue man dann noch ein paar Agit-Prop-Parolen. Fertig ist der Ideologie-Roman.

Zum Schluss sind alle arm, aber sie haben sich alle lieb. Es geht zu wie in einem gewissen kleinen Gallierdorf: „Bierkrüge kreisten in der Runde. Nach den Takten der Musik [wozu auch sonst?] tanzten junge Mädchen einen Reigen, und dann wirbelte jung und alt bis in den späten Abend über das mit Tannengrün bestreute Pflaster". Wenn ich diese Texte lese (und zwar aus Selbsterhaltung nur „kursorisch"), dann wundere ich mich über die allgegenwärtigen geschmacklichen Verspätungen in Fünfneuland nicht länger.

Was dieser Text soll? Nun, ich meine jeder sollte sich beim Schreiben nur von seiner Sprache leiten lassen. Niemals von seinen politischen oder religiösen Überzeugungen. «Da kommt nichts bei rum» – schon gar keine lebendigen Menschen. Oder aber, er sollte in die Politik gehen. Dann darf er ähnlich überzeugend daher reden wie Merkel, Müntefering, Westerwelle, Künast, Apfel, Lafontaine oder Stoiber.

Wer sich aber auf die selbstsicher führende Hand der Sprache nicht einlassen mag, wer an seinen fixen Ideen partout festhalten will, auch wenn sich die Tastatur sperrt und biegt, dessen Blog klingt dann eben so, wie das Kauderwelsch unserer einschlägig bekannten Apologeten einer schönen neuen Welt, ob attacal oder neoliberal, von welcher Couleur auch immer. Das ist dann halt so …

Eine Meinung

  1. Jetzt wo du es sagst, fällt mir erst auf, dass wir bis heute auf den neoliberalen Schweizer Schlüsselroman warten. Moment mal … Neuauflage eines Gotthelf-Klassikers … „Ueli der Privatisierer“ … armer Bauer im Emmental wehrt sich gegen die Liberalisierung, wird von einer Handvoll Flugschriften doch noch überzeugt, kämpft gegen die Buttersubvention, handelt mit China und Österreich, am Schluss eine Runde Prosecco fürs ganze Dorf, alle haben sich lieb … doch, könnte ein Bestseller werden!

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