Hier wird’s unheimlich

Blogville ist von den „Nachtseiten" des Lebens fasziniert. Schlaflose, Mondsüchtige, Leichenwagenfahrer und andere Thrill-Freunde tummeln sich in den Blogs, vielerorts finden die Autoren, sei es Zeit dem Schmerz zu frönen. Wie aber schreibt der stilbewusste Blogger «unheimlich» genug, um Leser zu faszinieren?

Der wirkliche Grusel spielt heute: Die «Intelligenzbestie» Hannibal Lecter im Schrei der Lämmer metzelt als anerkanntes Mitglied unserer heutigen High Society, in Spielbergs «Duell» ist statt eines Frankenstein eine konfektionierte Maschine, ein Lastwagen, zum Monster geworden, bestenfalls stolpern noch ein paar antike Seeleute in die Gegenwart mit ihren Radiostationen hinein wie in Carpenter's «Fog». So etwas aber wirkt schon recht bemüht und hat reichlich Patina angesetzt.

Der erste, der literarisch den großen Schrecken in die Gegenwart überführte, zugleich für mich das große Vorbild des Genres, ist Fjodor Dostojewski. Nur selten wird er im Zusammenhang mit der «Horror-Literatur» genannt, weil Dostojewski zugleich anerkannte «Weltliteratur» verfasste, und die Damen und Herren Slavisten ihre Genies nicht gern mit den Schmuddelkindern aus der «Trivialliteratur» spielen lassen. Dabei konnte Dostojewski alle Register auf der Thrill-Orgel ziehen, von den «Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen» bis hin zu den «Bösen Geistern» – zehn Jahre Gefangenenlager in Sibirien hatten ihn mit allen Nachtseiten der menschlichen Existenz vertraut gemacht. Ein ideales Beispiel also, um gewisse «Pony-Tricks» des Genres exemplarisch vorzuführen.

Zunächst verändert sich die gewohnte literarische Kulisse bei Dostojewski, dreckige, eklige, verderbte Winkel der Stadt ersetzen die weite Landschaft und den bestirnten Himmel: «Draußen auf den Straßen war eine furchtbare Hitze, eine dumpfe Schwüle, ein Gedränge sondergleichen, ein Gewirr von Gerüsten, Kalk, Ziegeln und Staub, und dann dieser besondere Petersburger Sommergeruch …». Leitmotivisch umgibt die fiebrige Hitze der Großstadt einen ganzen langen Roman hindurch die Antihelden in «Schuld und Sühne», Schauplatz des ersten «Mordfalls aus Ideologie» und der frühesten Diskussion «lebensunwerten Lebens» in der Weltliteratur. Im «Idioten» dann ist der Schimmel, die Nässe und der Nebel an die Stelle der Petersburger Hitze getreten: «Die Luft war nasskalt und neblig, und der Morgen konnte sich nur mühsam zur Geltung bringen. … aller Gesichter waren blassgrün wie der Nebel». Lebende Leichen rollen auf dem Zug in die Großstadt ein – und sie agieren auch so, bis auf diesen «Idioten» eben. Eine durchgängige «Atmosphäre» also – wie bei Lovecraft der Fischgeruch und die feuchte Algenlandschaft – das ist die erste Bedingung.

Klar ist angesichts dieser Schilderungen bei Dostojevski aber auch, dass es sich um höchst theatralische Kulissen handelt. Einige wenige, glühende Striche wie bei einem Bühnenbild charakterisieren die Szenerie, sie illustrieren kein umfassendes, detailreiches Bild. Schrill, übertrieben, expressionistisch sind die Farben gewählt, jeder Satz ist ein Symbol. Auch die Redeweise der Personen ist bühnentypisch eher als episch: Fiebrig, abgerissen, fahrig, ad hoc verfertigt sind die Gedanken, die eher Gedankenfetzen sind. Diskurse wie bei Thomas Mann darf niemand erwarten, die Personen widersprechen sich permanent, ihre Stimmungslage schwankt. Zweite Regel daher: Keine Angst vor wirkungsbedachter «Effekthascherei».

Diese Widersprüchlichkeit der Personen folgt aus einer der berühmtesten Erfindungen Dostojewskis: dem «Mischcharakter»: Die Bösen sind hier nicht böse, die Guten nicht gut. Sie alle sind mal dies, mal das – und meist dazwischen. Das Böse ist momenthaft, abhängig von dem, was gerade gedacht wird. Der alte Karamasoff ist zugleich ein versoffener Heiliger UND ein Kinderschänder. Raskolnikoff ist ein Sensibelchen UND ein Mörder. Die Folge: Kein Schriftsteller darf heute noch ganz «in schwarz und weiß» schreiben, das ist zum Reservat der Superman-Hefte und der Sonntagsschultexte orthodoxer Bibelkreise geworden. Oder aber, die Texte richten sich an die Schlichten im Geiste, an Jerry-Cotton-Leser oder Edgar-Wallace-Addicts (nebenbei: dieser Literatur-Fabrikant hatte ein «plot-wheel» entwickelt, das er drehte, wenn er nicht mehr weiter wusste, bei jeder Drehung gab das Rad eine vorkonfektionierte Anschlusshandlung frei: ein weiterer Mord geschieht, noch eine Jungfrau wird entführt, eine Bombe explodiert, schon wieder wird eine Leiche gefunden, Kinski kichert mal wieder dämonisch etc.). Dritte Regel also: Keine «Typen», keine «Bestien», keine «Frösche mit der Maske», keine «Entmenschlichung», sondern die ganze Komplexität eines «Charakters».  

In der Folge ist im ernstzunehmenden Horror-Genre das «absolut Böse» heute höchstens noch bei Rocky oder bei Schwarzenegger & Co. zu finden. Schon ein Graf Dracula ist mehr als ein platter Blutsauger, er ist zugleich eine traurige Gestalt, der den Tag nie mehr erblicken wird, voll tränenreich-operettenhafter Züge, die ihn geradezu musicaltauglich machen. Der Gang-Anführer in Kubricks «Clockwork Orange» vergewaltigt und mordet ja eben nicht wie ein Tier oder wie eine Maschine, er ist zugleich ein feinfühliger Bildungsbürger, der sich an den Bildungsbürgern rächt, und dabei Beethoven hört und Schopenhauer liest. Selbst «Christine», das mörderische Auto bei Stephen King, ist menschlicher Gefühle fähig. Und Hannibal Lecter, der blutige Kannibale und Sadist, ist zugleich ein höchst rationaler Psychiater und Aufklärer, der die Menschen, die ihn verhören, an deren Abgründe führt. Vierte Regel: Führe den Leser nicht an fremde Gestade, sondern an das eigene «Böse», dort spielt der wahre Schrecken.

Kurzum: Auch derjenige, der heute mit dem Frösteln spielt, kommt nicht umhin, uns Menschen zu liefern, statt all der Superhelden, Ghostbuster und Pappkameraden, statt der öden Heidelandschaften und neblichten Friedhöfe, über welche die Zombies irren. Aller echter Horror ist Psychologie.

Und – um auf einige Blogs zurückzukommen – selbst einen abmahnenden Rechtsanwalt oder einen wildgewordenen Callboy sollten wir als Menschen einsichtig machen, auch wenn's manchem schwer fällt, statt als Zombie in den Weiten des Web 2.0 …      

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