Gullideckel gibt´s überall auf der Welt

Mit diesem Vorwissen quasi belastet schauen wir auf das gleichnamige Internetangebot gulli.com. Seit rund zehn Jahren besteht dieses System, das zu den erfolgreichsten Forenangeboten in deutscher Sprache gehören dürfte und beschäftigt sich in offenen Diskussionen mit allen Themen, die im Leben eines Durchschnittsbürgers vorkommen. Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass allerdings diejenigen Themen dominieren, die im Leben eines Durchschnittsbürgers nicht unbedingt vorkommen oder vorkommen sollten, wie Hacking, Cracking, Warez, Filesharing und andere Grauzonen. Sicherlich aber spielten diese rechtlich schwierigen Bereiche ursprünglich die größte Rolle und sind auch heutzutage bei weitem nicht bedeutungslos.

Mit einer solchen Ausrichtung steht ein Internetangebot mit identifizierbarem Betreiber in Deutschland natürlich auf sehr wackligen Füßen. Tatsächlich hat es über die Jahre mehrere Rechtsstreitigkeiten gegeben, die unterschiedlich starke Auswirkungen auf den Betrieb, vornehmlich der Forenbereiche, der sogenannten Gulli-Boards, hatten. Für mich erstaunlich, dass seit einigen Jahren insofern etwas Ruhe eingekehrt war, als dass Gulli nicht mehr in ständigen Kämpfen mit Verwertungsgesellschaften lag und sogar seit einigen Jahren die Webadresse stabil geblieben ist. Dafür haben offenbar die versammelten deutschen Abmahnanwälte, vermutlich besonders gestützt durch das berühmte Heise-Forenurteil, Gulli als lukrative Einnahmequelle für sich entdeckt.

Nun hat die Bochumer Betreiberfirma wohl nicht wirklich eine Alternative zur Verlagerung des Forenbetriebes auf eine andere Rechtsform im europäischen Ausland gesehen und wird diesen Schritt kurzfristig vollziehen. In der Kanalisation wird der Schritt zwar bedauert, aber nicht für wirklich gewichtig gehalten, da sich letztlich nur der verantwortliche Betreiber ändert, inhaltlich aber im Grunde Business As Usual zu erwarten sein soll. Der bisherige Betreiber hat sich sicherlich den größten Änderungsschaden aus der Verlagerung, verliert er doch nach eigener Aussage den größten Teil der Umsätze seiner IT-Firma. Mitarbeiter sollen zwar nicht zur Entlassung anstehen, vielmehr wird das Gegenteil avisiert. Aber so ist es letztlich immer. Es bleibt abzuwarten, inwieweit diese Form verbaler Schadensbegrenzung zukünftig auch tatsächlich Handlungsmaxime sein wird. Ich assoziiere in solchen Fällen stets Ulbrichts "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."

Nach meiner Einschätzung können die Bewohner der Kanalisation eher positiv in die Zukunft blicken, so sich der neue Betreiber nicht als Spaßbremse mit konservativen Wertvorstellungen entpuppt. Spielt das weltweit einmalige deutsche Abmahnrecht künftig keine Rolle mehr, kann ein nie zuvor gekanntes Fäkalkollektiv endlich ungebremst die Rohre durchspülen. Wo der Gulli ist, ist dabei wurscht, denn Gullideckel gibt´s überall auf der Welt. Sogar in Österreich.

[Fotoquelle: © Fionn Große / PIXELIO ]

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