Günter Grass im New Yorker

Welche Seiten/Kapitel wurden nun ausgewählt, dem amerikanischen Publikum das neueste Werk des deutschen Nobelpreisträgers schmackhaft zu machen? Na?! Richtig geraten: natürlich exakt die Zeilen, die die ganze Kontroverse um Grass‘ verborgene Vergangenheit in der Eliteeinheit der SS im vorigen Sommer entfachten. Zunächst wird also ohne Einleitung/Kommentar das Kapitel „How I Spent The War" präsentiert, Untertitel „A recruit in the Waffen S. S." unter der Kategorie ‚Personal History‘. Unter diesen diversen Titeln ist ein Foto der Familie Grass im Jahre 1933 abgedruckt.

Erklärung Nummero Uno: es gibt keine Einführung zum Zwiebelschälen, weil von den Lesern erwartet wird, schon alles über Buch und anschließende Verurteilung des Autors zu wissen. Zugegeben, ein eher unwahrscheinlicher Gedanke.

Zweite Vermutung: die Leser sollen dem Text ohne Vorurteile gegenübertreten und sich ein eigenes Urteil bilden. Dagegen spricht die Auswahl besagter Textstellen. Grass spricht immerhin auf fast 500 Seiten über insgesamt vielleicht zwanzig Jahre deutscher Nachkriegsgeschichte im Detail. Und von den Redakteuren des New Yorker werden genau die zehn, zwanzig Seiten ausgesucht, die den deutschen Nationalschriftsteller im vergangenen Jahr in alle Zeitungen brachte. Wird hier die Schablone vom Nazideutschen wieder hervorgekramt?

Um den literarischen Wert der Zwiebelhäute geht es jedenfalls nicht. Ich beziehe mich mal nur auf die erste Seite (im Original Hardcover S. 75; im New Yorker S. 67): im Buch ist das Kapitel überschrieben mit „Er hieß Wirtunsowasnicht". Die einleitenden Zeilen, die die Textstelle in den ganzen Metaphernkontext des Zwiebelschälens und der Erinnerungsarbeit einbinden, fehlt völlig. Der erste Satz stellt also fest, dass sich Grass als 15 jähriger freiwillig zum Dienst an der Waffe gemeldet habe. Er beschreibt, wie er mit Klassenkameraden als Luftwaffenhelfer arbeitete (Pflicht). Danach wurde ein ganzer Absatz ausgelassen, den ich hier kurz zitieren möchte: „Endlich wurden wir ernst genommen. (…) Zweckdienlich am militärischen Gerät ausgebildet, konnten wir nützlich sein und – wenn es dazu kommen sollte – Stadt und Hafen vor feindlichen Terrorangriffen schützen (…)" (S. 76).

An sich waren es gerade solche Zeilen, die mir die damalige Zeit, eine Jugend unter Hitler, nahebrachte, besser als jedes Geschichtsbuch. Für mich ist Beim Häuten der Zwiebel ein Bildungsroman: das Aufwachsen unter einem diktatorischen Regime; nach dem Krieg die Suche nach Selbstverwirklichung als Künstler ohne (moralische und finanzielle) Unterstützung des Vaters. Ja, es ist gut, dass Grass seine jugendliche Verfehlung zugegeben hat, aber er kann doch nun nicht darauf reduziert werden. Das allerdings könnte nach diesem Vorabdruck in einigen Köpfen passieren.

PS: sollte der New Yorker in einer vorigen Ausgabe oder einer kommenden sich ausführlich zu diesem Buch geäußert haben oder äußern, entschuldige ich mich hiermit im voraus für meine Bemängelung. Sollte die Redaktion noch einen Literaturkritiker suchen, kann sie sich gern bei mir melden.   

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