Einfach reden lassen

Zunächst die schwierigere Form, die „indirekte Rede". Um klarzustellen, dass nicht ich, der Schreiber, etwas gesagt habe, sondern derjenige, von dem ich berichte, benutzen wir im Deutschen den Konjunktiv I. Eine Verbform, die allerdings so viele Tücken hat, dass selbst der gemeine Nachrichtensprecher sich auf die «Hilfspolizisten» „sei", „habe" und „solle" zu beschränken pflegt: „Die Kanzlerin stellte fest, dass die Gespräche in einer sehr freundschaftlichen Atmosphäre verlaufen seien. Man habe festgelegt, dass der Dialog im Frühjahr fortgesetzt werden solle".

Ins Stottern kämen oft selbst Profis, wenn sie irgendeine Äußerung meinerseits – „Ich esse gerade" – in die indirekte Rede überführen sollten. Korrekt wäre: „Er sagte, er esse gerade". Falsch dagegen das indikativische „Er sagte, er isst gerade". Wohingegen der Satz „Er sagte, er äße gerade" nicht nur eine unbehauene und ungeschulte Redeweise zum Ausdruck brächte, sondern in seiner gespreizten und missglückten Gewähltheit einer Beleidigung gleichkäme, weil der Schreiber auf den Irrealis hereingefallen ist, der dem Text einen ganz neuen Sinn unterschiebt: Ich hätte demnach gelogen und bloß behauptet, dass ich esse, obwohl ich in Wirklichkeit gar keinen Bissen zu mir genommen habe. Kurzum, beim Konjunktiv geraten die meisten Schreiber – einschließlich meiner Wenigkeit – in stürmisches Fahrwasser, obwohl diese Verbform unverzichtbar ist, wenn wir das Potenzial der Sprache ausschöpfen wollen. Einfacher aber ist es oft, die direkte, wörtliche Rede zu verwenden. Doch auch da, doch auch da …

Auf die Umfrage „Welche stilistische Phrase hassen Sie am meisten?" antwortete Alfred Döblin: „Er sagte". Und natürlich zählt diese endlose Reihung von „sagte er", „antwortete sie", „sagte wiederum er", „bemerkte sie" in jedem schlechteren Roman zum unvermeidlichen Leierkasten bei der Lektüre.

Auch dieses lässt sich natürlich einschränken. In den meisten Fällen geben wir einen Dialog ja nicht Wort für Wort wieder, diese Tortur hielte der ausgebuffteste Leser nicht aus. Wir beschränken uns auf die „Essenz" eines Dialogs, auf die wichtigen und bezeichnenden Äußerungen, auf die Gesprächshandlung. Wenn wir die Zuordnung des Textes nun so vornehmen, dass aus dem Gesagten immer deutlich wird, wer von den Gesprächsteilnehmern etwas gesagt haben muss, dann müssen wir nicht mehr mit einem „sagte er" auf den jeweiligen Sprecher zeigen. Ein solcher Text ähnelt einem Drehbuch, bei dem man die Schauspieler nie zu sehen bekommen wird – oder jedenfalls nur vor dem inneren Auge.

Ein Meister dieses Verfahrens war Ernest Hemingway. Er kam mit einem Minimum an „sagte er" und „sagte sie" durchs literarische Leben. Deshalb zum Abschluss von ihm ein kurzer Auszug:

«Brett sah mich an. „Es war idiotisch von mir, dass ich weggereist bin", sagte sie. „Man ist verrückt, wenn man aus Paris weggeht."
„Hast du dich gut amüsiert?"
„O ja. War interessant, nicht wahnsinnig amüsant."
„Irgendwen gesehen?"
„Nein, fast niemand. Bin nie ausgegangen."
„Hast du nicht gebadet?"
„Nein, hab gar nichts gemacht."
„Klingt wie Wien", sagte Bill.

Erst in dieser letzten Zeile ist das „sagte" notwendig, weil der gute „Bill" sich als dritte Person in den Dialog des unglücklichen Paares einschaltet.

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