Ein fast übersehener Schwelbrand. Der Irak hat neue alte Feinde

Am Dienstag ließ die  WELT ihre Leser
wissen, dass die Türkei im Grenzgebiet zum Irak größere Truppenmengen aufmarschieren lässt. Ziel der Operation ist die Bekämpfung der PKK. Allerdings nicht etwa in der Türkei, sondern im Norden des Iraks. Laut der WELT hat der türkische Generalstabschef Özkök erklärt, die Türkei habe aufgrund des in der
UN-Charta festgelegten Rechtes auf Selbstverteidigung ein Recht, im
Irak zu intervenieren.
Dabei hat man im Iran einen neuen Verbündeten gefunden. Auch hier sind Truppen im Gebiet der Grenze zum Irak verstärkt worden. Zudem registriert der irakische Geheimdienst eine immer größer werdende Anzahl von Iranern, die den Irak infiltrieren, meldet die bedeutenste überregionale irakische Zeitung Az Zaman.
An dieser Stelle beweisen sich dann einmal mehr die Schwierigkeiten, in dieser Region Politik zu gestalten. Da verbündet sich der NATO-Partner Türkei mit dem Erzfeind Amerikas. Ursache hierfür sind die aus türkischer Sicht ausbleibenden Maßnahmen der Amerikaner gegen die nach Autonomie strebenden Kurden im Nordirak. Auch Teheran wirft den Amerikanern vor, sich nicht nur nicht um das Problem zu kümmern, sondern die Kurden in der Region auch noch zu unterstützen.
Teherans Außenamtsprecher Hamzid Resa Asefi gab zudem an, die Aktionen seien mit der Regierung in Bagdad abgesprochen. Aber mit wem denn nur. Wohl nicht mit Präsident Talabani, der kurdíscher Abstammung, wahrscheinlich alles unternehmen würde, um einen erneuten Einmarsch der Türkei und des Irans zu unterbinden.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Irak, obwohl eigentlich reich an Öl, auf Importe aus den beiden Nachbarstaaten angewiesen ist. Aber vielleicht fürchten die Iraner auch nur die neu eingerichtete Freihandelszone im Norden des Iraks.
Für die Amerikaner ist die Situation nicht nur aus propagandistischer Sicht schwierig. Iraner im Irak widersprechen nun einmal total der National Strategy for Victory in Iraq.Und sollte es für die USA notwendig sein, den bisher  klein gehaltenen Konflikt mit Teheran auf eine höhere Ebene zu bringen, wird es die Unterstützung der Türkei benötigen. Wie das dann funktionieren soll, bleibt erstmal offen.

11 Meinungen

  1. Jeep, der Mist ging schon im April los:LOG:WARS – 04/26/06 Chaos in Kurdistan: Iran und Türkei bilden „Cross-Over“ Allianz gegen die Kurden und bringen die USA in Verlegenheit.

  2. Vielen Dank für den Hinweis. Insbesondere die Verwicklung der Israelis macht die Sache noch brisanter. Was sagen eigentlich die Iraner zu dieser Nebenallianz der Türken?

  3. Andererseit sollte Jalal Talabani am Ende vielleicht doch einen Weg finden, sich mit dem Iran un der Türkei zu einigen. So lange die wie 1983 in Julamerk nur gegen die Konkurrenz vorgehen und seine PUK gewähren lassen, wird er einer Allianz aus Iranern und Türken sicher Platz für ihre militärischen Operationen lassen.

  4. Ioannis Papapantelis

    Ich denke eine Aufteilung des Irags wäre keine schlechte Idee.Solange die westliche Welt uneins ist müssen die Amerikaner dort bleiben. Das können sie aber nicht für sehr lange Zeit tun. Sie sind sowieso dort über die planmäßige Zeit hinaus. Eine Aufteilung wäre hilfreich zur Kontrolle der Situation, ähnlich wie in Balkan.

  5. Sicher hast du recht Ioannis, eine Aufteilung wäre das Beste. Aber als unbeteiligter Beobachter erscheint diese Lösung zwar als theoretisch sinnvoll, wird aber an der Praxis scheitern. Das Problem sind wieder einmal die Ressourcen. Jede Volksgruppe wird ein Interesse haben sich ein möglichst großes Stück des Kuchens zu sichern. Am Ende würden sich alle unberecht behandelt fühlen und ein neuer Bürgerkrieg (noch haben wir den nicht) steht ins Haus. Btw. Soll das Land zwei- oder dreigeteilt werden?

  6. Einen Staat mit einer Fläche von 10,5 Tsd Quadratkilometer aufteiln zu wollen, ist schon eine merkwürdige Idee. Das Land gehört zu den Staaten mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Eine Zwei – oder Dreiteilung würde gewaltige Bevölkerungsverschiebungen bedeuten. Zudem ist die Internationale Gemeinschaft sehr stark am Bestand des Libanons interessiert.

  7. Es geht doch auch nicht um den Libanon, sondern um den 40 Mal größeren Irak, Grünschnabel.

  8. Hoppla. Nun gut auch im Irak kann die Internationale Gemeinschaft nicht an einer Aufteilung interessiert sein. Ist sie auch nicht. Ein schiistisch geprägter vom fundamentalistischem Regime im Iran abhängiger Teilstaat Südirak wird genauso wenig Unterstützung finden, wie ein neues Kurdistan. Und was soll aus dem Mittelirak werden. Vielleicht ein territorium unter Mandat der Vereinten Nationen? Da hilft nur Geschichtsbücher aufschlagen und VN, Naher Osten und Mandatsgebiet nachzuschlagen.

  9. Geschichte hin oder her. Es handelt sich doch um separatistische Tendenzen innerhalb der irakischen Bevölkerung. Und die könnten unterbunden werden, in dem der Irak geteilt wird. Das Problem ist, da gebe ich dir recht, die Frage wie. Bei einer Sezession macht man es niemals auch nur irgendwem recht. Diskutieren kann man die Frage ja wohl schon. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass es bereits entsprechende Pläne gibt. Spätestens bei einem Rückzug der USA wird man sich mit dieser Frage intensiver beschäftigen müssen.

  10. Nun derzeit scheinen solche Pläne keine Rolle zu spielen. Vielmehr soll nach Ansicht der Besatzungsmacht USA der Irak in ein Musterländle des Nahen Ostens verandelt werden. In der NATIONAL STRATEGY FOR VICTORY IN IRAQ heißt es daher ja auch, Ziel ist: „Iraq evolves into a free, federal, democratic, pluralist, and unified staterepresentative of all Iraqi citizens. (Hervorhebung durch mich).Und Historie spielt eben doch stets eine Rolle. Vor der Besetzung des Iraks durch Großbritannien 1914 hatte das Osmanische Reich alles erdenklich versucht, um das heutige Staatsgebiet des Iraks in das Reich einzugliedern. Dennoch so konstatiert die Historiografie: Die drei Provinzen Basra, Mosul und Bagdad waren mehr oder weniger autonom. Allerdings herrschte damals auch noch Subsistenzwirtschaft. Erst der Anschluss an die Weltwirtschaft (heute unabdingbar) brachte die Notwendigkeit zur Einigung.

  11. Wenn du dich bei deiner Argumentation schon der Geschichte bedienst, dann solltest du nicht vergessen, dass es nicht allein der Export war, der die Notwendigkeit zur Einigung darstellte. In ganz entscheidendem Ausmaß war dies nämlich die britische Regierung, denen ganz besonders viel an der Zugehörigkeit der Provinz Mosul zum Staatsgebiet des Irak lag. Ihre Marinonettenregierung unter König Faisal brauchte Mosul zum einen, um auch weiterhin die Kontrolle über die Ölfelder zu behalten und zum anderen, weil die Provinzen Bagdad und Basra allein keinen lebensfähigen Staat hätten bilden können. Ein weiterer Grund war, dass der Irak ohne Mosul ein schiitisch beherrschter Staat geworden wäre. Also führt auch der Blick in die Geschichte, nicht zwingend zu einer klareren Sicht der Dinge. Ein Auschluss einer Dreiteilung des Landes wird mir dadurch nicht plausibel. Eher im Gegenteil. Der Grund für die Autonomie der Provinzen (bis 1920!!!) war ja die schwierige Kontrolle durch die Zentralregierung in Istanbul. Heute ist das riesige Land kaum leichter zu kontrollieren. Und auch der Auszug aus dem US-Strategie-Papier spricht nicht gegen eine Dreiteilung des Irak. Dann nennt man es halt Bundesstaat. Die Frage ist dann, wie groß die Kompetenzen der Bundesländer sein werden. Ein Lann ohne Wenn und Aber zu einen, das kann nicht funktionieren.

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