Die innere Landschaft

Jeder Mensch trägt sie mit sich herum, diese «innere Landschaft», von der die Literaturkritiker geheimnisvoll raunen. Und jeder Schreiber sollte lernen, seine innere Landschaft auch darzustellen, denn sie gibt ihm Unverwechselbarkeit und die berühmt-berüchtigte «Authentizität».

Ich zum Beispiel, ich weiß, wie moderig das Watt in den trockengefallenen Flussmündungen hier im Norden riecht, wie leicht und warm ein Stück Torf sich anfühlt, wie wattiert das Schreien der Silbermöwen im Nebel klingt, wie der Küstenorkan den Kopf nach hinten reißt, ganz anders als solch ein schwächlicher Schwabenfurz, der dort unten in Norditalien Sturm genannt zu werden pflegt. Dies alles also und noch viel mehr, das könnt' ich schreiben, wenn ich Schreiber hier im Norden wär' …

Wallander hat sein Ystad, Wilhelm Raabe sein Weserbergland, Charles Dickens sein London, Theodor Storm seine Marschen, Tucholsky sein Paris, Karl Kraus sein Wien, William Faulkner sein Virginia, Joseph Conrad sein Malaysia, Knut Hamsun seine Lofoten – viele große Schriftsteller haben ihr Werk ganz eng mit einer Landschaft verknüpft. Manchmal kreist sogar eine ganze Romanwelt um einen konkreten Ort: «Unsere neue Wohnung befand sich in der dritten Etage eines Hauses auf der West Broad Street», schreibt Stephen King über Stratfort, Connecticut: «Einen Häuserblock weiter hügelabwärts … erstreckte sich ein weitläufiges, verwuchertes Gelände, das rückseitig von einem Schrottplatz begrenzt und in der Mitte von Eisenbahnschienen durchquert wurde. Dieses Stück Wildnis gehört zu den Orten, auf die ich immer wieder zurückgreife. Es taucht hier und dort unter allen möglichen Bezeichnungen in meinen Büchern und Geschichten auf. Die Kinder in „Es" nennen es «die Barrens», wir nannten es Dschungel». Hier also entspringt der große Schrecken, den der Meister des Horrors immer wieder beschwört.

Jeder von uns trägt eine solche innere Landschaft mit sich herum. Wenn wir schreiben, dann sollten wir besser nicht versuchen, unsere Figuren an möglichst exotischen oder repräsentativen Schauplätzen herumstolzieren zu lassen, da sie sich an der Copacabana oder in den Schluchten der Wall Street doch nur wie Elefanten im Porzellanladen aufführen würden. Wir sollten ihnen jenen Ort zuweisen, den wir am besten kennen: unser jeweils ganz eigenes Reich der Erinnerung und die vergangene Erlebniswelt unserer Jugend, die prinzipiell noch unerschöpflicher ist als die große weite Welt des Erwachsenenlebens. Damit wirken wir dann auch «authentisch» – also als Person …         

7 Meinungen

  1. Ja scho. Da May Karl hots aba so a kenna, wie der Bremer sagen würde, wäre er des Bayerischen mächtig.

  2. Naja, Karl Mays Marah Durimeh (schrieb die sich so?) aus seinen Balkan-Romanen, die sprach schönstes Hochdeutsch aus erzgebirglerischen Bibelerweckungskreisen. Und Winnetou, der sprach wie der Festredner eines sächsischen Honoratiorentreffens. Und diese ewig gleiche Landschaft, ob nun wilder Westen oder Konchin-China, die hatte einige wenige feste Bestandteile und lag bestimmt nie ‚vor Ort‘. Ein Paar volkswirtschaftliche Details hat er sich dann noch aus dem Brockhaus zusammengeklaut. Arno Schmidt in ‚Siddharta oder der Weg dorthin‘ hat über Karl Mays Darkroom-Ästhetik alles Notwendige gesagt.

  3. Nett ist ja, wie man als Knabe mit Karl-May-Bänden zugemüllt wurde, als ob es nichts anderes zu lesen gäbe. Zumindest in meinem Fall haben sich sämtliche Großeltern-/tanten und weiß der Henker wer alles darauf geeinigt, dass Karl May der absolute Knüller für heranwachsende Knaben sei, während ich offen gesagt jeden Versuch, das Zeug ordnungsgemäß zu lesen – und das waren nicht wenige – aufgrund gähnender Langeweile bald wieder abgebrochen habe. Vielleicht lag es ja an den Landschaften, was ich damals natürlich nicht wissen konnte.

  4. Mein werter Herr Papa, empfahl mir Herrn Mays Texte jeweils zu überfliegen bis das Wort „plötzlich“ auftaucht. Er meinte aber, die Landschaftsbeschreibungen wären – aller langatmigen Ausführlichkeit zum Trotz – überaus realistisch. Selbst untersucht habe ich das allerdings nie.

  5. Wenn Ihre Tanten, geschätztes Lockentier, gewusst hätten, wie kongenial der Arno Schmidt dem Kalle May anhand seiner Landschaftsschilderungen schon im Jahr 1960 nachwies, dass der Shatterhand alias Kara Ben Nemsi usw. erzschwul gewesen sein muss, dann hätten sie den ‚roten Bruder‘ Winnetou von Band I bis III auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Und Sie, bester ‚fellow passenger‘, Sie können doch eigentlich froh sein, dass sie auf der Welt sind, dass Ihrem Papa nie coming-out-mäßig klar wurde, weshalb ihm diese Landschaftschilderungen mit den tiefen Talkesseln, wo in der Mitte meist duftend heiße Gase entweichen, drumherum sich die harten Kerle so gern lagern, weshalb ihm die derartig gefallen haben.

  6. Ojemine! Ich sehe gerade, daß ich nicht einmal in der Lage bin, meinen eigenen Namen richtig zu schreiben. Das überzählige l haben Sie ja freundlicherweise schon gestrichen.Ich hoffe die saumäßige Interpunktion in meinem Kommentar zur „Inneren Landschaft“ rührt nicht von einer bislang unentdeckten Homophilie meines Erzeugers. Wäre es so, brächte es auch nichts mehr, Ihren Beitrag über Kommasetzung nochmal zu lesen.

  7. Erst als ich ganz nach oben scrollte, verstand ich, was Sie meinen. Nur habe das L nicht gefressen …

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