Der Nullsatz

Sein Hauptsiedlungsgebiet ist das Kommunikations- und Marketinggewerbe, dort wo große ‚Kommunikatoren‘ und manchmal eben auch ‚Nebelwerfer‘ zum jährlichen Smalltalk aufeinander treffen. Die Bieler Kommunikationstage ‚Comdays‚ fanden zwar schon im Oktober statt, auf das Schweizer Blog dieses Europatreffens bin ich aber erst jetzt gestoßen. Es bietet hervorragendes Anschauungsmaterial, weil die dort verwendete Sprache exemplarisch ist für eine tagungsreisende Cagliostro-Szene, die mit Wenigem viele zu beeindrucken versteht. Nehmen wir bspw. diesen schönen Satz von geradezu visionärer Strahlkraft:

„Er verlangt von den Zeitungen, dass diese die neue Realität besser reflektieren."

Konnten Sie sich unter ‚neue Realität reflektieren‘ etwas vorstellen? Grübeln und schreiben die Zeitungsredakteure über die Gefahren aus den Tiefen des Internet denn noch nicht genug? Und was heißt es, ‚besser‘ zu reflektieren? Den Spiegel mal putzen? Und waren wir seit Watzlawicks Zeiten nicht längst bei den ‚Realitäten‘ im Plural angelangt? Jaja, dieser Poul Melbye, das ist ein imponierender ‚Director Research and Strategy‘, der übrigens in Dänemark die denkmalsträchtig innovative Idee hatte, Gratiszeitungen ‚direkt ins Haus‘ zu liefern. Was ‚Weser-Report‘ und ‚Bremer Anzeiger‘ hier in Bremen seit ungefähr 25 Jahren so machen. Sei’s drum – weiter geht’s:

„Information, Content, Service und Werbung werden zu etwas Neuem zusammen wachsen, das bis jetzt noch keinen Namen hat".

Aha – aus Tutti Frutti wird ein Ratatouille werden, worüber sich aber noch keine Aussagen treffen lassen. Dieser Satz liegt – intellektuell gesehen – auf der Ebene von ‚Alles hängt mit allem zusammen‘ oder ‚Nix Genaues weiß man nicht‘ – und er stammt von Hans-Peter Rohner, CEO PubliGroupe AG. Immerhin – derartige Mediaagenturen fragen sich also auch schon, wo das alles noch mal enden soll. Fast ebenso schön ist auch dieser Kausalzopf aus Banalitäten:

„Um Entwicklungen sinnvoll vorantreiben zu können, müssen wir den Menschen von heute verstehen".

Jaja, ‚den Menschen verstehen‘, das ist allerdings ein weites Feld. Da ist die Pension, wenn man das berufsmäßig betreibt, schon fast gesichert. Aber finge die Dame nicht am besten bei sich selber an? Oder teilt sich die Welt am Ende in ‚Treiber‘ und in andere ‚Menschen‘ als manipulierbare Restgröße auf? Wer überhaupt definiert ’sinnvoll‘? Fragen sind das! Der Text ist übrigens von Stefana Broadbent, Head of User Adoption Lab, Swisscom Innovations. Ich gebe hier mal ein paar Proben von ähnlichem semantischen Strickmuster: „Um ein Schiff bauen zu können, müssen wir zunächst eine Werft finden". Oder: „Um einen Kuchen zu backen, ist Hitze sinnvoll". Doch es gibt in dieser ebenso anspruchsvollen wie rasanten Szene kein Verweilen – hier der nächste Hauch von Nichts:

„Es geht jetzt darum, das Angebot so aufzugleisen, dass der Kunde darauf anspringen kann".

Joho, dieser Junge, der kriegt zu Weihnachten endlich seine elektrische Eisenbahn und Jack London’s ‚Abenteurer des Schienenstranges‘ dazu. Dann kann er seine Produktwaggons auf die Schienen stellen und die Kunden darauf aufspringen lassen, wie die Flöhe auf den Hund. Ich aber, ich höre jetzt besser auf, meine Leser mit hochgeistigem Geschwurbel weiterhin zu überfordern – und lasse den Beat Lauber pastörlich sein Schlusswort sprechen:

"Die Killerapplikation heisst Mensch."

Ja, das allerdings finde ich auch …

via Amok

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