Denken wir weiter als Wörter?

Die Diskussion selbst findet sich hier. Im Zentrum steht eine Behauptung, die nach dem Amoklauf an einer finnischen Schule derzeit alle Medien voneinander abschreiben, als würden sie dafür bezahlt, dass nämlich die finnische Sprache vorher noch gar kein Wort für ‚Amoklauf‘ gekannt habe. Was erstens falsch ist, und zweitens auf ein bestimmtes, ziemlich naives Sprachkonzept hindeutet. Die philosophische Annahme, die hinter solchen Äußerungen steht, lautet: Eine Sprache, die ein Wort nicht ‚hat‘, die kennt auch den Sachverhalt nicht. Platt formuliert: In einer Gesellschaft, die das Wort ‚Mord‘ nicht kennt, mackeln sich die Leute auch nicht gegenseitig ab. Was natürlich Bullshit ist – oder das gute alte Orwell’sche Neusprechkonzept. Ebenso ist es mit dem Satz, dass das Vietnamesische kein Wort für ‚Ich‘ kenne, und deshalb eine perfekte kollektive und solidarische Gesellschaft eher möglich sei.

Zurück gehen solche Annahmen auf einen fehlinterpretierten amerikanischen Versicherungsvertreter namens Whorf, der einst feststellte, dass die Eskimosprache ein ziemlich elaboriertes und ausdifferenziertes Vokabular für Schnee hat, was andere Sprachen gar nicht kennen. Während Whorf das Phänomen aber korrekterweise auf die Umwelt zurückführte, in der diese Eskimos leben, wurde er von seinen aufgescheuchten Interpreten gnadenlos missdeutet. Die Kausalität wurde umgedreht: Weil sie so ein elaboriertes Vokabular hätten, erschiene ihnen die Umwelt so.

Übrigens beruht die ganze Werbung noch heute auf Whorf’schen Missdeutungen: Dort glaubt man im Prinzip, dass ein Wort die Welt ändern könne. Bezeichne man ein Geldhaus nur lange genug als ‚Beraterbank‘, dann sei es auch eine. Rühme man nur lange genug die ‚Transparenz der Unternehmenskommunikation‘, dann wäre sie auch transparent, weil die Sprache diese Gegebenheit in die Welt gesetzt hätte.

Von links, durch die ‚universale‘ Richtung der Generativen Transformationsgrammatik (GTG) um Noam Chomsky, gab es natürlich Gegenwind gegen ein solches Sprachkonzept, das der Manipulation Tür und Tor zu öffnen schien. Hier verfolgte man ein anderes Konzept, das ich hier völlig verkürzt und damit auch ‚verfälscht‘ darstelle: Den GTG’lern zufolge sei uns ein Sprachinstinkt mitsamt den grammatischen Regeln angeboren, jede Sprache sei sozusagen nur ein anderer Klang, eine andere Stufe der Hierarchie, auf grundlegend gleicher Regelbasis tief in unserem Inneren. Anders ausgedrückt: Vor Gott sind alle Sprachen irgendwie schon gleich.

Um den derzeitigen Stand der Debatte wiederzugeben, habe ich dort drüben im Bremer Sprachblog den ganzen Sums folgendermaßen kommentiert: "Journalisten sind notorische Abschreiber, lernen wir daraus – und folglich pflanzen sich solche Fehler (wie ‘kein finnisches Wort für Amoklauf’) ewig fort. In der Geschichtswissenschaft war es zu meiner Studentenzeit üblich, in längere Arbeiten ein besonders prägnantes und plausibles Fake-Zitat einzuflechten, um dann lachend zu verfolgen, wie es durch alle Folgeveröffentlichungen seine Spur zog. Und was der Wissenschaft recht ist, muss dem Boulevard billig bleiben.

Beim Mythos der fehlenden sprachlichen Ich-Konzepte würde ich eher auf eine bestimmte Zeit tippen, zu der ein Sekundärtext entstand, der so etwas behauptete: In diesem Fall irgendwo zwischen 1970 und 1990, dort war das Bedürfnis nach Kollektivität besonders ausgeprägt, ebenso wie das nach Beglaubigungen der Möglichkeit eines völlig kollektivierten Lebens in fremden Kulturen. Anders ausgedrückt: Wo immer der ‘neue Mensch’ gefordert wird, wird ‘das Ich’ verachtet.

Der Whorf hatte schwer zu leiden unter den Leuten von der GTG-Front, die von angeborenen universalen Sprachkonzepten träumten. Ein gewisser Pullum ließ sogar ‘den großen Eskimovokabularschwindel’ 1991 platzen, indem er nachwies, dass auch der Eskimo gar nicht so viele Wörter für ‘Schnee’ kennt. Inzwischen ist Whorf – selber ja kein Linguist – wieder halbwegs rehabilitiert. Niemand würde bestreiten, dass die Sprache das Denken ‘limitiert’. Die Frage ist nur, wie sehr – und ob sich nicht jede Sprache das nötige Vokabular heranschafft, ist das Bedürfnis nach neuen Wortkonzepten erst einmal da. Notfalls eben durch Lehnwörter wie ‘Amok’ …"

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