Das hat gerockt oder So macht Journalismus Spaß

Das 3-Tages-Ticket für 78 Euro. Viel Geld. Dafür gibt es aber auch ein ganze Reihe von Bands zu sehen. An nur drei Tagen. Überall in den Clubs rund um die Reeperbahn. Die Fülle an Musikstilen ist in der Tat beeindruckend. Da genügt ein kurzer Blick auf den Flyer, der mir im Millerntorstadion auf dem Weg zu meinem Stammplatz auf der Gegengerade zugesteckt worden ist.

Wir haben den 2. September 2006. In drei Wochen soll sich die Reeperbahn zu einer großen und lauten Musikmeile wandeln. Denn dann steigt dort das Reeperbahn-Festival.

Die Veranstalter des Festivals rühren kräftig die Werbetrommel im Stadion, beim Heimspiel meines geliebten FC St. Pauli gegen Union Berlin. Unser Verein ist nämlich aktiver Unterstützer. Für die Fans hat die Festivalleitung daher einen besonderen Leckerbissen: Alle Dauerkartenbesitzer würden einen Preisrabatt von 10 Euro erhalten. Also nur noch 68 Euro für den Zugang zu über 200 Konzerten in 20 Venues an allen drei Tagen. Oder aber 33 Euro für einen einzigen Festivaltag, die Option besteht auch.

Eher nicht, ist mein erster Gedanke. Und auch mein zweiter. Denn welche Bands würden mich wirklich interessieren? Nicht so viele. Seachange auf jeden Fall. Die wollte ich immer schon mal live erleben. Amusement Parks On Fire. Wegen ihrer druckvollen Dynamik, der steilen Gitarrenwände. Radio 4 aus New York. Sehr tanzbarer Disco-Rock. Vielleicht noch die Sterne, die einzigen Lokalmatadore, die ich schätze. Anders als etwa Tomte, Blumfeld oder die unvermeidlichen Tocotronic, die ebenfalls am Start sind. Mit den Hamburger Schrammelbands tue ich mich gemeinhin schwer. Ausgenommen Kante und Sport.

Dem langjährigen Indierock-Fan und passionierten Konzertgänger ist schnell klar: Das Festival wird ohne mich stattfinden. Man muss nicht alles miterleben. Und Festivals bedeuten eh zu viel Trubel: kurze Gigs von maximal einer Stunde, und dann das ständige hin- und hereilen von einem Veranstaltungsort zum anderen. Brechend voll dürfte es obendrein auch noch werden. Die Clubs vollgestopft mit Leuten, die eventuell gar nicht sonderlich viel übrig haben für die Band, der sie da gerade lauschen. Dieses gleichsam touristische Treiben (hier mal gucken, da mal gucken), dieses Club-Hopping will mir nicht behagen. Ich bin doch eher jemand, der sich die Konzerte gezielt aussucht, nach Vorliebe oder aber, weil ich ohnehin überzeugt bin, dass Großes zu erwarten ist, Kunst im wahrsten Sinne.

Aber ehe man sich versieht, denkt man plötzlich um. Nicht etwa die Promotion, die erst drei Wochen vor Beginn des Festivals richtig anzurollen scheint (so mein Eindruck), fängt mich schließlich ein. Es ist die simple Anfrage einer Kollegin von mir: Bist du beim Reeperbahn-Festival dabei? Äh, nee. Hab mich dagegen entschieden, teile ich ihr mit. Lohnt sich wahrscheinlich nicht.

Doch, doch. Die Kollegin Elke* ist beharrlich, ihres Zeichens Fotojournalistin, die in Hamburg überall da aufkreuzt, wo Promis im Blitzlichtgewitter ihre gepuderten Nasen in die Luft recken. Die Gute ist ständig unterwegs, jagt von einem Termin zum anderen. Ist schon ein schweres Los, die journalistische Alltagsarbeit. Für Fotografen ein echter Knochenjob, der aber auch richtig Spaß machen kann, wie Elke stets beteuert.

Sie schlägt vor, dass ich mich als Journalist akkreditieren lasse. Hm, darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Warum denn nicht? Schließlich bin ich ein Lohnschreiberling, das sich mit kreativer Textarbeit mühsam über Wasser hält. Nun, ich bin kein Vollblut-Journalist. Aber egal. Der eine oder andere Text wird dabei schon abfallen. Möglicherweise sammle ich auch nur Ideen für Storys, die ich irgendwie schon verwerten werde. Also: Her mit der Akkreditierung!

Dann mache ich’s halt, wie von der Festivalleitung erwünscht: „Fixiert euch nicht nur auf die vermeintlichen ‚Headliner’ und bleibt nicht nur in eurer ‚Musik-Schublade’. Lasst euch treiben von Location zu Location und von Genre zu Genre! Wagt Unbekanntes und testet alles aus. Und wenn es euch nicht gefällt, geht einfach weiter.“ So steht es geschrieben im Grußwort des Programmhefts, erbauliche Worte der beiden Geschäftsführer Christian Gerlach und Alexander Schulz, die ich gewiss beherzigen werde.

Die Vorfreude auf das Festival steigt von Tag zu Tag. Damit war nun wahrlich nicht zu rechnen. Ich fiebere dem Ereignis tatsächlich entgegen. Dass mir so etwas noch widerfährt! Ich bin selbst überrascht. Konzerte sind nun mal besondere Erlebnisse. Immer wieder. Ganz gleich, wie viele man schon gesehen hat. Unzählige in meinem Fall, kleine und große Gigs. Da ist alles dabei gewesen, was Rang und Namen hat im Indierock. 

Erster Festivaltag, 17:00 Uhr. Ich treffe Elke auf dem neu gestalteten Spielbudenplatz, der dem Festivalpublikum mit Info-Ständen und Kassenhäuschen als zentrale Anlaufstelle dient . Wir wollen uns zusammen unsere Presse-Pässe abholen, die uns am Festival-Desk dann auch ohne Umschweife ausgehändigt werden. Um in die einzelnen Locations hineinzugelangen, muss man nur seinen Pass und das orangefarbene, am Handgelenk fest angebrachte Wristband zeigen. Das probieren Elke und ich in der Presse-Lounge am Spielbudenplatz gleich mal aus. Funktioniert! Wir werden sogar überaus freundlich begrüßt. Sie lächeln nett, die vielen weiblichen Crew-Mitglieder, die hier herumwirbeln. Das ist schön.

Elke und ich machen es uns auf den Polstern bequem und lassen uns von den Mädchen mit Getränken versorgen. Hörsaal heißt die Bar, in der wir uns befinden. Kenne ich noch gar nicht. Neue Clubs und Bar schießen hier im Viertel aber auch wie Pilze aus dem Boden. Selbst ein eingefleischter St. Paulianer wie ich verliert da schon mal die Überblick.

Wir gehen unsere „Fahrpläne“ für den Abend durch. Offizielle Eröffnung um 19:00 Uhr. Anschließend Konzert von Tomte, unseren Hamburger Freunden auf der riesigen Vattenfall-Bühne am oberen Ende des Spielbudenplatzes. Natürlich Pflicht für uns Presseleute.

Aber dann gehen unsere Zeitpläne auch schon auseinander. Elke muss doch eher die bekannten Musikergesichter ablichten, die Künstler mit großer Fangemeinde. Solche Bilder lassen sich nun mal besser verkaufen. Ist schon klar. Aber an Clueso, Sascha and Friends und Patrice habe ich leider nicht sonderlich viel Interesse. Da helfen auch die Worte der Festivalmacher nichts: Lasst euch auf Ungewohntes ein! Nee, nee. Schuster bleib bei deinem Leisten, sag ich mir.

Mein dicht gedrängtes Programm für den Abend sieht hingegen so aus: Zum Einstieg natürlich ein bisschen Tomte. Musikalisch gar nicht meine Wellenlänge, aber muss schon sein. Dann super700 im Grünspan. Gefolgt von den Escapologists und Seachange im Knust. Und zum krönenden Abschluss Radio 4 und The Rapture wiederum im Grünspan. Leider, leider werde ich Amusement Parks On Fire im Molotow nicht sehen können. Wie ärgerlich. Aber deren Gig kollidiert zeitlich mit dem von Seachange, den ich vorziehe. Unter anderem auch, weil er im Knust stattfindet, in meinem Lieblings-Club.

Am heutigen Tag kann ich somit nicht wirklich auf musikalische Entdeckungsreise gehen. Ich weiß, was mich erwartet: Musik, die mich begeistern wird. Ohne Frage.

Noch über eine Stunde Zeit bis zum Festivalauftakt auf dem Spielbudenplatz. Ich begebe mich daher nach Hause. Dort wartet noch Arbeit auf mich. Ich will demnächst eine Rezension schreiben über ein gerade veröffentlichtes Buch, das hohe Wellen schlagen wird: Gabor Steingart, Weltkrieg um Wohlstand. Ein vierhundert Seiten starker Schinken von einem der führenden Köpfe (wenn nicht dem führenden) des SPIEGEL. Packende Lektüre. Normalerweise. Im Augenblick kann ich den Analysen aber nicht so richtig folgen. Ich komme einfach nicht rein in den Text, trotz des äußerst spannenden Themas: die „Panikblüte“ der US-Wirtschaft, ihre gigantisch hohe Verschuldung und die bedrohlich wirkende Zahlungsbilanzkrise. Das verheißt nichts Gutes für den Rest der Welt.

Die drohende Katastrophe sollte mich beschäftigen, mich wachrütteln und intellektuell beschäftigen. Unbedingt. Momentan klappt das aber nicht. Ich bin in Gedanken bereits auf dem Festival, bin in freudiger Erwartung dessen, was da kommen mag. Es kribbelt regelrecht in mir. Wenn wundert’s? Der Abend verspricht unvergesslich zu werden. Und nicht nur der. Die nächsten drei Tage werden es in sich haben: gute neue Musik, mitreißende Konzerte vor begeistertem Publikum und reichlich Bier, das mir die Kehle runterlaufen wird. Ich werde alles in vollen Zügen genießen.

Werter Herr Steingart, Ihre sicherlich wegweisende ökonomische Gefahrenanalyse hin oder her – der Buchdeckel bleibt zugeklappt in den nächsten drei Tagen. Ab jetzt bin ich ganz und gar auf Musik gepolt.

 

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