Das hat gerockt (III)

Seachange spielen bereits. Dann kurze Unterbrechung: Club-Chef Norbert Roep müht sich angeduselt auf die Bühne, um eine Ansprache zu halten. Das macht er öfter mal. Wenn ihm ein Band besonders am Herzen liegt. Oder wenn er von einer Performance genauso schwer begeistert ist wie die Zuschauer im Saal. Dann bittet er auf diese Weise um weitere Zugaben und drückt seinen Dank aus für die erstklassige Musik. Jetzt erzählt er uns, wie wichtig es ihm gewesen sei, dass Seachange beim Reeperbahn-Festival im Knust auftreten. So eine phantastische Band müsse einfach hier spielen. Absolutely!

Weiter geht’s im Takt. Bzw. mit dem Konzert. Seachange zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie diesem ganzen Post-Punk/New Wave-Revival, das seit vier, fünf Jahren vor sich hinköchelt, nicht aufgesessen sind. So viele Bands, größtenteils von der Insel oder aus New York, klingen, als wenn die Mitglieder im Baby-Alter von ihre Eltern statt nährender Milch Musik von Joy Division, Devo, Gang of Four oder The Clash in hohen Dosen verabreicht bekommen hätten. Und seitdem sind sie gezeichnet und können nicht anders, als ihren übergroßen Vorbildern nachzueifern. Meistens schlechter als die Originale. Das kann nerven, gelegentlich gar peinlich sein. Ihre Fans werden über den Ideenklau, dieses wenig kreative Abkupfern nicht immer im Bilde sein. Und wenn schon. Hauptsache, es rockt, werden sie denken.

Anders natürlich Seachange. Die orientieren sich am fast schon klassischen Brit-Folk und Brit-Pop. Mitunter entlädt sich ihre spannungsreiche Musik in heftigen Noiseattacken. Dann kracht es kurzzeitig, die übliche Tristesse entweicht ihren Stücken, angestaute Wut äußert sich. Die muss dann raus, und die bricht sich dann auch Bahn. Eruptiv geradezu. Für gewöhnlich kommt ihre Musik etwas schwermütig, dunkel daher. Ganz anders als all diese Hype-Bands, die in regelmäßigen Abständen von der britischen Musikpresse hochgejubelt werden. Deren Debüt-Alben haut man uns anschließend dermaßen um die Ohren, dass es unmöglich ist, sie zu ignorieren. Ich will jetzt hier keine Namen nennen. Kennerinnen und Kenner der Branche ahnen, von welchen Bands ich spreche. Die Liste wäre lang.

Die Jungs aus Nottingham liefern indes den erwartet brillanten Auftritt ab. Im Publikum entdecke ich einige der mir von unzähligen Konzerten her bekannten Hamburger Indierock-Fans. Ich sehe nickende Köpfe, sich rhythmisch bewegende Körper, viele zufriedene Gesichter. Man scheint derselben Meinung zu sein wie ich: Wie erleben hier ein großartiges Konzert.

Nichtsdestotrotz muss eine halbe Stunde des konzentrierten Zuhörens reichen. Zum Ausklang des Abends will ich mir noch Musik zu Gemüte führen, die mehr meiner Gefühlslage entspricht: innerer Unruhe, Rastlosigkeit. Deswegen: back on the road. Besser gesagt, on the sidewalk. Ich rase los Richtung Grünspan.

Meine Kondition ist nach wie vor erstaunlich gut. Von Ermüdungserscheinungen überhaupt keine Spur. Das ist gut, das ist sehr gut. Denn gleich wird getanzt. Hoffentlich brennt die Hütte bereits vor Ekstase, wenn ich dort eintreffe. Vom Radio 4-Gig dürfte ich noch mindestens eine Viertelstunde mitkriegen. Die Band wollte ich schon vor zwei Jahren live gesehen haben. Doch ihr Konzert im Knust wurde damals kurzfristig abgesagt. Wird heute nachgeholt.

Da stehen Amerikaner auf der Bühne, denke ich unmittelbar, nachdem ich das anständig gefüllte Grünspan betreten und mir ein Stehplätzchen gesichert habe. Vielleicht liegt es am Posing, dem zur Schau gestellten Selbstbewusstsein, der Selbstsicherheit, mit der sie ihr Ding durchziehen, dem Hang zur Großkotzigkeit. Schwer zu sagen. Das sympathische Understatement der Seachange-Mitglieder fehlt ihnen völlig.

Das zweite, was mir auffällt: Hören die sich nach Gang of Four an! Mein Gott, muss das sein? Radio 4 sind eine dieser Bands, die die New-Wave-Bewegung in New York an die Oberfläche gespült hat. Ähnlich wie The Rapture, die uns nachher verzücken werden. Im Vereinigten Königreich sind sie zumindest äußerst beliebt. Was nicht verwundert, wenn sie britischer klingen als die britischen Bands selbst.

Da steckt ordentlich Schmackes hinter, ganz viel Groove. Ich beginne augenblicklich mit dem Kopf zu nicken. Das rechte Bein kann nicht mehr stillstehen, das rechte auch nicht. Der ganze Körper wippt. So was!

Dance-Punk wäre wohl die Schublade, die man aufzuziehen hätte, um diese Musik zu beschreiben. Disco, gitarrenlastig und punk-kompatibel. Elektronik, Percussions, ein unglaublich treibender Bass. Auf diese wild gewordene Symbiose können sich mit Sicherheit viele Indierock-Fans verständigen, die ab und zu auch gern mal den Dancefloor heimsuchen. Radio 4 gelten nicht ohne Grund als gefragter Party-Act.

Drei Stücke erlebe ich mit. Dann ist die Gang-of-Four-Memorial-Feier zu Ende. Geil war’s.

Jetzt eine halbe Stunde warten, bis The Rapture startklar sind? Auf keinen Fall stehe ich mir hier die Beine in den Bauch, während ich mir Jever aus einem Plastikbecher für unverschämte drei Euro hinter die Binde kippe. Da ich hier gleich um die Ecke wohne, düse ich doch lieber kurz nach Hause. Dort wartet ein eiskaltes Holsten Edel auf mich im Kühlschrank, das getrunken werden will. Das wird mir gut tun. Und wie!

Daheim schalte ich sogleich das Radio ein. N-JOY überträgt aus dem D-Club. Laut Timetable müsste Patrice auf der Bühne stehen. Wird er wohl auch. Recht eigenwilliger Reggae. Kann man sich durchaus auch mal anhören. Zum Kennenlernen halt.

Ich ruhe mich auf dem Sofa aus, trinke mein Holsten Edel, sinniere. So weit ein sehr gelungener Abend, muss ich sagen. Ich bin hellauf begeistert. Dass ich mir das gönne. Dass ich das miterleben darf. Zwar allein (wer hätte denn schon mit mir durch diesen Festivaltag hetzen wollen?). Aber was soll’s. Man muss seine Begeisterung nicht immer mit einem Mitmenschen teilen. Oder mit mehreren. Man behält die Freude über das Erlebte ganz für sich. Hat doch auch was. Und passt obendrein in unsere hoch individualisierte Zeit.

00:05 Uhr. Ich schalte auf NDR Info um. Nachtclub. Pflichtprogramm. Ich erwarte Jan Möller als Moderator, kriege aber Ruben Jonas Schnell als seine Vertretung. Auch gut. Und noch besser: Das Reeperbahn-Festival ist gleich sein Thema. Er hat Besuch im Studio: Galia Durant und Carim Clasmann von Psapp. Eben noch haben sie das Knust beglückt, jetzt stehen sie zum Interview parat. Sie geben Auskunft über ihre Musik, über die viele seltsamen Instrumente, die Geräusche, die ganz speziellen Sounds, die sie kreieren wollen. Spannend. Dazu ein paar aufschlussreiche Hörbeispiele. Weiter im Interview: Sie leben zusammen, die beiden, haben aber keinen Sex, lassen sie uns wissen. Soso. Ruben muss schmunzeln. Und ich steige aus. Switch off. Runter mit dem letzten Schluck Bier. Nichts wie rüber ins Grünspan.

Doch ich bin zu früh. Dort werden noch die Gitarren gestimmt. Zehn Minuten warten. Warten darauf, dass die Super-Party beginnt. Dass uns der rohe Post-Punk, den The Rapture zelebrieren, gründlich die Gehörgänge durchpustet. Ich platze vor Neugier. Live müssen die ja der Hammer sein. Ihr neues Album ist von der Fachpresse sehr positiv aufgenommen worden. Selbst von der ZEIT, in der heute eine Plattenkritik erschienen ist, die ich am Nachmittag überflogen habe.

Auf geht’s. „Hey, party people!“, begrüßt uns der Bassist und fragt nach unserem Befinden. Natürlich prächtig. Was denn sonst? Legt los, ihr Höllenhunde, treibt uns zum Wahnsinn!

Wie zu erwarten war: Das Gang-of-Four-Konzert geht weiter, besser noch, wilder, wüster, ekstatischer. Da flippst du aus. Bei denen lernt selbst der coolste Rocker das Tanzen. Dieser Bass! Wie der nach vorne geht, wie der treibt – sagenhaft. Peter Hook (Joy Division, New Order) würde erstaunt sein, wie perfekt dieser Epigone dort oben auf der Bühne sein Instrument beherrscht.

Ihre Performance ist zum Teil geradezu orgiastisch. Immer wieder steigern sich einzelne Tracks zum ohrenbetäubenden Lärm, immer wieder grandiose Gitarrenriffs. Die Kuhglocke darf natürlich nicht fehlen, das quietschende Alt-Saxophon auch nicht. Das hat schon Rave-Qualitäten, total überdreht. Das geht richtig ab. Geil.

Ich gucke mich um und sehe, dass ich nicht der einzige bin, der nicht ruhig stehen kann. Da vorne, direkt vor der Bühne, klar, da brennt der Tanzflur. Aber auch hinter mir entdecke ich durchweg strahlende und verschwitzte Gesichter. Der gewaltige Energieschub, der von der Band ausgeht, erreicht selbst die hintersten Winkel des Grünspan. Alles vibriert, jeder bebt. Vor Ekstase.

Kein Zweifel, The Rapture sind um Längen besser als Radio 4 und auch als Hot Hot Heat, die derselben Musikkategorie zuzurechnen sind und die ich mir vor gut einem Jahr hier angetan habe. Weil ich auf der Gästeliste stand. Dem Stadtmagazin SZENE HAMBURG sei Dank.

Okay, ich würde mir The Rapture privat nicht unbedingt anhören, geschweige denn ihre Alben kaufen. Aber dieser Gig zählt mit zu den energiegeladensten, heißesten und mitreißendsten, die ich je gesehen habe. Also scheiß drauf, was viele denken und sagen, all diese blasierten Bescheid- und Besserwisser: Haben wir doch alles schon gehört, ist doch nur ein lauwarmer Aufguss, hohle Patchwork-Mucke. Nee, nee, live sind die der Kracher schlechthin. Punkt.

Mag Rock tot sein oder sich nur noch endlos im Kreis drehen, immer um die eigene Achse, in ewiger Repetition, wie Sting vor kurzem in einem Interview meinte, – geschenkt! Dieser Konzertabend entschädigt für all die Gewalt, die dem Hörorgan bisweilen angetan wird. So viel Euphorie wie heute war selten.

Nach einer Zugabe, die vom Publikum frenetisch gefordert worden ist, entlassen uns The Rapture in die Nacht. Es ist zwanzig vor zwei. Ich bin erledigt, ich bin glücklich. Und ich sage Danke. Danke für diesen ersten Tag. Für die Musik, an der ich mich berauscht habe. Für dieses Erlebnis, dabei gewesen zu sein, beim Reeperbahn-Festival. Ich wünsche mir bereits jetzt, dass dieses Festival eine Institution wird. Jedes Jahr wieder auf St. Pauli.

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