Übersetzungen sind Glückssache …

William Zinsser ist "Schreibpapst", einer von vielen in den USA – und die sind dort irgendwie anders gestrickt als unsere schriftstellernden Päpstlein. Um den wissenschaftsfernen Spott über Fremdwortgebrauch, um den Heiligen Krieg gegen den Schachtelsatz und um eine Endlösung für Adjektive geht es in seinem Text daher nur höchst am Rande. Seine Kapitel heißen u.a. "Schreiben im Beruf", "Einheitlichkeit", "Kritiken und Kolumnen", "Stil", "Wissenschaft und Technik" – alles Sachgebiete, nach denen wir bei einem Sick oder Schneider vergeblich suchen würden. Allenfalls ein Stefan Gärtner wandelt in seinen seriöseren Phasen, wenn ihm keine Glosse zwischen die Füße gerät, halbwegs auf Zinssers Spuren.

Der Autor verspricht uns keinen Rosengarten, keinen Königsweg zur Bestsellerei und er behauptet auch nicht auflagefördernd, dass jedermann mit ein wenig Mühe und nach der Lektüre seines Instant-Textes schreiben könne. Weshalb sich auch mein Lieblingszitat zu Schreibthemen in diesem Buch findet: "Schreiben ist Knochenarbeit. Ein klarer Satz entschlüpft einem nicht mal eben so. Sehr wenige Sätze stehen gleich bei der ersten – oder dritten – Niederschrift richtig auf dem Papier. Denken Sie in verzweifelten Momenten daran. Wenn es Ihnen schwerfällt, zu schreiben, dann liegt es daran, dass es schwer IST" (S. 22).

Wer es sich also gern ein wenig schwer machen möchte, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.

     

7 Meinungen

  1. Du Ferkel … deshalb habe ich dir oben im Text auch einen davon versteckt. Mal sehen, ob’s jemand merkt.

  2. Lieber Herr Jarchow!Ich habe ihn, denke ich, nach nochmaligem Lesen der interessanten Buchempfehlung – welche ich natürlich gerne annehme – und als eifriger Leser von Wolf Schneiders Publikationen – auch sein neuestes Buch lese ich gerade, das mit den 44 Rezepten für gutes Schreiben (wer seine früheren Werke kennt, wird allerdings nicht viel Neues entdecken) – der übrigens auch einen Namensvetter hat, welcher ein Buch mit dem Titel „Zauberkraft der Sprache“ veröffentlichte, gefunden: „Um den wissenschaftsfernen Spott über Fremdwortgebrauch, um den Heiligen Krieg gegen den Schachtelsatz und um eine Endlösung für Adjektive geht es in seinem Text daher nur höchst am Rande.“@ Textspeier: Ich auch, aber nur wenn sie vollständig sind. Von meinem letzten ist eine Schachtel weggekommen; da habe ich den Rest auch weggeworfen!Liebe GrüßeMike Seeger

  3. Manchmal keimt der Verdacht, die Abneigung gegen den etwas komplizierteren Satz rühre daher, dass er denjenigen überfordere, welcher … Das vorgeschobene Barmen wegen des armen Publikums ist dann schlecht verhohlenes Eigeninteresse. Ein Satz sei ein Gedanke. So simpel ist das. Nur nicht für diejenigen, die komplexere Gedankengebäude deshalb für großen Mist halten, weil sie auf gedanklichen Maulwurfshügeln schon Höhenangst entwickeln.

  4. Dazu ein ein Zitat aus einem Buch von Wolf Schneider: „Der Schachtelsatz entspringt mehreren Quellen: Bei den Gelehrten ist es die Verachtung gegenüber dem Leser, bei anderen die Zuchtlosigkeit des Denkens. Der Schreiber ist nicht imstande, jeden Gedanken erst zu Ende zu denken und zu schreiben; er fällt sich vielmehr selbst ins Wort, schiebt einen Einfall dazwischen und überlässt es dem Leser, alle angefangenen Gedanken im Kopf zu behalten. Der Leser ist klüger und klappt das Buch zu.“Dies gilt sicherlich nicht für harmlose kleine Schächtelchen; wenn sich Schachtelsätze aber über zehn und mehr Zeilen ziehen, dann bin durchaus Schneiders Meinung. Zudem glaube ich nicht, dass Schneider Höhenangst auf Maulwurfshügeln bekommt. Wie Sie schon schrieben: Der Satz ist ein Gedanke. Einer. Zu Ende gedacht. Variationen sind möglich und manchmal erfrischend.

  5. Nun ja – da scheint mir der Herr Schneider bei der Erwähnung des bloß angerissenen Gedankens einen Anakoluth mit einem Schachtelsatz zu verwechselt zu haben. Um zu begreifen, wie schön der verfemte Schachtelsatz klingen und wie klar er formuliert sein kann, lesen Sie mal den ersten Satz in Hermann Brochs „Tod des Vergil“, Sie finden dort einen wunderbaren Zwanzig- bis Dreißigzeiler, je nach gewähltem Schriftgrad, der exakt so lang ist wie der Gedanke, den das Schiff dort anlandet. Klingt rätselhaft? Klar – ich will Sie ja neugierig machen.Auch der Gelehrte gebraucht einen Schachtelsatz nicht „aus Verachtung gegenüber dem Leser“, hier scheint mir der Herr Schneider einen Minderwertigkeitskomplex zu hegen, weil die Gelehrsamkeit trotz des journalistischen Lehrstuhls nicht seine Sache ist. Der Gelehrte schreibt ja oft deshalb kompliziert, weil die berichteten Sachverhalte kompliziert sind. Nichts ist schlimmer als die „terrible simplificateurs“, die uns die Relativitätstheorie in drei Sätzen erklären möchten. Der Herr Schneider steht allerdings eher auf den Schultern von Riesen als auf Maulwurfshügeln – oder wie ein Sprachwissenschaftler wie Willi Sanders das ausdrücken würde: er bedient sich gern bei anderen. Lesen Sie mal Sanders‘ Invektiven gegen solche und andere „Sprachkritiker“, dagegen bin ich glatt ein Waisenknabe.

  6. Das Anakoluth scheint es nicht ganz zu treffen, da mit selbigem ja eine Umstellung des Satzbaus einhergeht (bin nur ein Laie: Gefühlsgrammatik). Allerdings freue ich mich, dass ich etwas lernen konnte. Willi Sanders’ „Sprachkritikastereien“ habe ich gebraucht bei einem Internethändler für 0,49 Euro zzgl. drei Euro Porto ergattern können (und ich verstehe es sogar; ob ich’s aber begreife?). Bin aber erst auf Seite acht. Nebenbei muss man halt auch etwas Geld verdienen, und die Zeit rennt (auch gefühlt). „Tod des Vergil“ ist dann als nächstes dran.

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