DDR-Verklärung in Ost und West

Den Anfang machte der Spiegel-Online in einem Beitrag des Kultur-Ressorts: „Für die Deutschen dagegen war das vergangene Jahrhundert überraschend beschwerlich: Zwei Weltkriege, eine Diktatur (sowie ein realsozialistisches Experiment), der Kalte Krieg, die Wiedervereinigung, der ganze Krempel.“ Gut 16 Jahre nach dem Mauerfall hat es die DDR also geschafft, sie galt in den Köpfen einiger Kulturredakteure nicht mehr als Diktatur, sondern nur noch als ein Experiment. Auch in der Blogosphäre blieb der Aufschrei merkwürdig verhalten. Lediglich das Antibürokratieteam und die Bissigen Liberalen nahmen diesen krassen Aussetzer wahr und berichteten.
 
Naja, dachte ich mir, irgendwo gibt es immer Ewiggestrige, die ihr Bild von der DDR nicht mehr aus Geschichtsbüchern und Alltagserfahrungen zeichneten, sondern aus Filmen wie „Sonnenallee“ und DDR-Shows mit Katharina Witt. Traurig, dass sie Artikel schreiben dürfen, aber Redakteuren mit westdeutscher Sozialisation kann man das auch nicht wirklich vorwerfen.
 
Doch heute musste ich lesen, dass es sich bei dem Artikel keinesfalls um eine isolierte Meinung eines SpOn-Redakteurs handelte, sondern auch im Osten kräftig an der Apologie der DDR-Vergangenheit gearbeitet wird. Namentlich war es Adolf Endler, ein in Düsseldorf geborener Schriftsteller, der 1955 in die DDR übersiedelte. Als Plattform für seine Propaganda diente ihm die Regionalzeitung „Norddeutsche Neueste Nachrichten“. Dort schreibt er zunächst, dass er die „Vergangenheitsverklärung der DDR“ beklagt: „Vor 1989 waren höchstens 30 Prozent der Leute für den Staat […] Ich glaube, die DDR-Nostalgie entspringt den Empfindungen dieser 70 Prozent, die nicht an die DDR geglaubt haben, aber sich heute an etwas Schönes erinnern wollen. Das ist die neue Schizophrenie.“ Soweit alles in Ordnung. Doch nur wenige Zeilen später offenbart auch Endler, von einer solchen Schizophrenie befallen zu sein. Denn seiner Meinung nach sei es abwegig, die DDR als „zweite deutsche Diktatur“ zu bezeichnen und so einen Zusammenhang mit Nazi-Deutschland herzustellen.
 
Aber Herr Endler, wenn die DDR keine Diktatur war, was war sie dann? Etwa eine Demokratie? Vergleiche, schrieb schon Schopenhauer, sind die Wurzel allen Übels, daher versucht auch kein seriöser Historiker, der die beiden Systeme unter Diktatur subsumiert, sie zu vergleichen. Das eine war eine totalitäre, das andere eine sozialistische DIKTATUR. Will man wirklich Lehren aus der Geschichte ziehen, hilft es nicht, die totalitäre Vergangenheit der Bundesrepublik schonungslos aufzuarbeiten und die sozialistische zu verklären. Das gilt auch für Sie, Herr Endler.

7 Meinungen

  1. Marten van Dijk

    War die DDR nun eine sozialistische Diktatur, also Arbeitermacht, oder eine stalinistische Diktatur, also eine zur unterdrückung der Masse? Oder ist das mit Sozialismus und Stalinismus nur Wortklauberei? Was aber ist bspw an der Niederschlagung des Ungarnaufstandes sozialistisch? Und das nach dem 20. Parteitag, wo man sich doch so geläutert gab?Ach, die Welt ist ganz schön kompliziert!

  2. Hallo Marten, bei Ideologien ist es ja häufig so, dass Anspruch und Wirklichkeit zuweilen weit auseinanderklaffen. Daher muss wohl auch die stalinistische als sozilistische Diktatur bezeichnet werden. Dass die Arbeiter dabei keinesfalls die Führung innehatten ist auch hinlänglich bewiesen. Das Motto der Einheitspartei war halt, dass man auch Arbeiter zu ihrem Glück zwingen müsse. Schon doof, dass nur eine Handvoll Funktionäre festlegten, was Glück ist.–Aber gut, dass es kompliziert ist. In Ideologien wäre alles einfacher, allerdings nicht selbstbestimmt. Pluralismus (akzepttierter und geförderter) ist ja in gewisser Weise auch ein Element der Demokratie. Also schön, dass es so kompliziert ist 😉

  3. Am 07.01.2006 habe ich mir erlaubt, zu einem spezifischen Teil des Themas „DDR-Verklärung“ in einer regionalen Frankfurter Zeitung einen Artikel zu veröffentlichen. Die Folge waren zahlreiche anonyme Anrufe ehemaliger SED-Funktionärs-Rentner und ehemaliger Stasi-Mitarbeiter. Unter anderem wurde auch eine Morddrohung ausgestossen. So sind sie halt, „unsere Ehemaligen“.Der Artikel kann nachgelesen werden unter http://www.rotofo.de/aufarbeitung/060107ols.htm.Leider fand hier in Frankfurt auch Weihnachten 2006 wieder eine Weihnachtsfeier für Rentner statt, dass wiederum von den ehemaligen Funktionären und Stasi-Mitarbeitern als jährliche Wiedersehensfeier angenommen wurde – gesponsort von der Frankfurter Stadtverwaltung und vom Klinikum Frankfurt (Oder).Wir waren und wir sind keine grosse Familie – so mein Ruf in die Wüste, solange ich rufen kann.Roland Totzauer

  4. „Vorwärts immer rückwärts nimmer“, sagte einmal Erich Honecker.Sie sendeten ihre Trojanischen Pferde aus und die Westdeutschen merkten es überhaut nicht.14. Februar 2008. Stasi-Schwärmerin Wegner (Landtagsabgeordnete der Linken)Die Landtagsabgeordnete der Linken hatte den Bau der Mauer vor 47 Jahren gerechtfertigt und zudem die Wiedereinführung der Stasi befürwortet.Wörtlich sagte Wegner, 60, in einem Interview der ARD-Sendung „Panorama“ am Donnerstag: „Der Bau der Mauer war in jedem Fall eine Maßnahme, um sozusagen zu verhindern, dass weiterhin Westdeutsche in die DDR konnten.“ Und über den Staatssicherheitsdienst: „Ich denke (…), wenn man eine neue Gesellschaftsform errichtet, dass man da so ein Organ wieder braucht, weil man sich auch davor schützen muss, dass andere Kräfte, reaktionäre Kräfte, die Gelegenheit nutzen und so einen Staat von innen wieder aufweichen.“Die Täter von damals gestalten Heute unbehelligt in Führungspositionen unsere Demokratie oder beziehen hohe Renten.   Wir haben die DDR aus der Kloake gezogen,jetzt ist die Infrastruktur und die marode Industrie modernisiert,da bekommen wir einen riesengroßen Tritt in unseren Allerwertesten. Nach Ablauf der nächsten 50 Jahre bekommen wir dann das,bis dahin marode,von den Honecker – Kommunisten – Erben heruntergewirtschaftete Landgrinsend wieder vor die Füße geworfen. http://www.poolalarm.de/kindersuchdienst/leserbriefe.html#stasi-linke

  5. Weder Verklärung noch pauschale Verurteilung sind bei der Aufarbeitung des DDR-Unrechts hilfreich. Dafür brauchen wir viel mehr eine differenzierte Analyse dessen, was passiert ist. Ein wie ich finde aufschlussreicher Beitrag zu Gewalt und Unterdrückung in der DDR findet sich hier: http://detektor.fm/politik/diskutieren-ueber-den-unrechtsstaat-ddr/

  6. Jeder hat die DDR auf seine Art und Weise erlebt.Wer sich unbedingt mit dieser Staatsmacht ohne Überlegung und Hirn politisch anlegen ,oder sein Leben einfach auf Spiel setzen wollte ,hatte nichts zu lachen. Der grosse Teil der Bevölkerung lebte sein eigenes Leben in seinen Wänden ,ähnlich wie die Westdeutschen ,fern von der Politik mit oder ohne Meinung.Heute wird vieles übertrieben und in den politischen Teil geschoben und alles aber auch alles auch das privat erlebte ,erschaffene mit Mühe aufgebaute
    negativ dargestellt auch das was aus sozialer Sicht übernehmenswert gewesen wäre.Die DDR war kein Rechtsstaat aber auch kein Unrechtsstaat.Man muss aber unterscheiden vom politischen der DDR und vom privaten und sozialen menschlichen Bereich untereinander in der DDR,abseits der DDR Politik und dieses untereinander miteinander war um einiges besser und ausgeprägter! Was nützt mir die Reisefreiheit wenn ich sie mir nicht leisten kann oder die neuste Zahntechnik wo das Geld vielleicht nur für eine Gebiss ala cart DDR reicht ! Oder die Betroffenen nur noch von der Hand in den Mund leben.
    Auch die mit Absicht erweckten Ziele Vorstellungen im blühenden Land nicht mal teilweise erfüllt.Dann brauch sich keiner zu wundern das, nicht eingehaltene Wahlversprechen mit immer weiter steigenden Preisen bei kleinen Einkommen in die andere Richtung ausschlägt !
    Auch die These einiger Parteien “das unerträgliche Leben in der DDR, gelte es weiterhin zu erinnern und nicht zu verharmlosen”, verdreht den Sinn und Hergang der Ereignisse!Der DDR Bürger wollte nur in der Entstehung der Bewegung die DDR verändern
    ,Reisefreiheit,Meinungsfreiheiten(welche schon im gewissen Rahmen Möglich war) konvergierbare Währung bessere Versorgung.Betriebe Arbeitstätten sollten bleiben .Worte der Montagsdemo-Auf die Strasse,-wir bleiben hier,-wir sind das Volk!
    Erst der Aufruf der BRD kommt, wer arbeiten will kommt hier zu was ins blühende Land mit
    Begrüssungsgeld löste erst eine gewaltige Welle der Euforie aus und lies den Verwandten Bekannten und Arbeitskreis in der DDR immer kleiner werden.Politisch ausgenutzt wurde der Ruf “wir sind ein Volk” Was sich heute die Politik wieder erlaubt ist wieder weit weg vom Volk,voller Widersprüche Überwachung Bevormundung ,Lügen,Manipulation
    Ein sinnlosen Krieg für was,wo junge Leute sinnlos sterben,wo keiner fragt was sonst immer üblich ist,wer soll das bezahlen ! Der 50 Milliarden kostet und die Meinung des deutschen Volkes verachtet…..So wie Politik und Verhältnisse heute wieder wirklich sind, sind einige Grenzen wieder überschritten. Manche wollen das ungern einsehen. Und manche finden diesen Mut etwas dagegen zu sagen sogar beängstigend.Lieber würden sie wieder in der Unwahrheit ala DDR leben….aber lassen wir das
    für mich war es mit die beste Zeit auch vom Alter her ,ob mit Stasi oder ohne es bleibt immer die benuzte Hu..e Politik das Spiel mit dem Menschen das schon immer Geschichtlich Generationen total zerrüttelt und gegen einander aufgebracht hat.

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