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    Start » Das Erinnern
    Wörter

    Das Erinnern

    29. August 20073 Minuten Lesezeit

    Wer jemals über Vergangenes schrieb, der weiß, dass die Vergangenheit zunächst immer nur wenig ‚Speicher‘ im Hirn belegt. Meist ist es ein Detail, das wir festgehalten haben. Allmählich rekonstruieren wir dann das, was war, aus unbekannten Tiefen hinzu, vielleicht aber auch aus der blanken Phantasie. Zur Aktivierung der Erinnerung gibt es eine ganz gute Methode, die dem eingeschlafenen Hirn auf die Sprünge hilft: Sie besteht in der bewussten Konzentration auf jeden einzelnen der fünf Sinne.

    Ein Beispiel: In meiner Jugend ratterte ich als Fahrschüler täglich zweimal mit einem Triebwagen der Bundesbahn durch die norddeutsche Tiefebene. Das Gebilde sah aus wie drei aneinandergekoppelte Würste auf Rädern, die dazu noch bockwurstfarben gestrichen waren.

    Aktiviere ich zunächst den Augensinn, dann fallen mir die klapprigen Falttüren am Eingang wieder ein, die mit einem Knopf auf dem Griff zu öffnen waren. Dann die grünen Dreier-Plastiksitzbänke, mit Schwung in der Sitzposition zu wenden. Das dünne Holzpanel an den Wänden mit den weißen, geprägten Verbotsschildern, die armseligen braunen Vorhänge an den Fenstern, die von Lederschlaufen gehalten wurden, der blaue Rock mit dem roten Streifen an den Ärmeln, den der Schaffner trug, die silbernen Klappaschenbecher mit dem geprägten DB-Zeichen … usw.

    Jetzt der Hörsinn: Das urgewaltige Möhren des Triebwagens, wenn die Wurst anfuhr, ein Geräusch, hinter dem sich aber keinerlei Kraft verbarg. Denn das Klackklack der Räder kam nur sehr gemächlich in Schwung. Ringsum das „18, 20, zwo" der skatspielenden Mitschüler, das Ratzfatz, wenn an der Klotür der Riegel sich schloss, „Die Fahrkarten bitte", die plötzliche Ruhe, wenn der gestresste Diesel die Höchstgeschwindigkeit erreicht hatte und der Zug plötzlich ganz ohne Motorgeräusch, nur im Rauschen des Fahrtwindes vor sich hin klickerte, das schrille Kreischen der Bremsen, wenn bei Regenwetter der Bahnsteig in Sicht kam … usw.

    Gerochen hat es immer nach kaltem Rauch – vorzugsweise „Schwarzer Krauser" oder „Donker Shag", weil Schüler damals, der Not gehorchend, selber drehten. Saß ich Glücklicher neben Ute Bernhard, dann roch es immer leicht nach Veilchenpastillen, ein Duft der mich heute noch verrückt macht. Ja – und wenn die Klotür aufging, dann drang ein ganz spezieller Duft aus Werftarbeiterfurz und Schülerpipi durch den Raum. Denn sauber waren diese Züge nie. Von draußen kam, je nach Jahreszeit, Heuduft hinzu, frisch aufgebrochene Erde. Der Silo- und Güllegeruch der Jetztzeit war damals unbekannt.

    Geschmeckt hat’s nach Jürss‘ Imbiss am Hauptbahnhof, wo wir uns anfangs des Monats, wenn das Taschengeld noch nicht dahingeschmolzen war, die besten Pommes Frites der Stadt zu holen pflegten. Rotweiß natürlich. Manchmal, besonders abends, schmeckte es auch nach Angelas Küssen – ach! Oft aß ich auch erst im Zug das Brot, das ich zur Schule mitgenommen hatte: Geklapptes Schwarzbrot, mit Quark und Schnittlauch – denn Muttern in ihrem Gesundheitswahn hielt es leider sehr mit den neuesten Ernährungstipps aus allen möglichen bunten Blättern.

    Den Gefühlssinn sprach vor allem die Sitzfläche an, dieses speckige, klebrige Plastik, an dem wir an heißen Tagen – „riiiitsch" – festklebten. Die Scheiben waren kühl, wenn wir die Stirn dagegenlegten, der Fahrtwind, da wir immer vor dem eigentlichen Halt schon aus dem Zug sprangen, war erfrischend, wie heiß der Tag auch immer gewesen sein mochte.

    Auf diese Weise kommt durch ein solches Fünf-Sinne-Training eine ganze Menge an Erinnerung zusammen. Übrigens lassen sich auch neue Erlebnisse auf diese Art besser festhalten: Genießen wir einen neuen Ort nacheinander und ganz bewusst mit allen fünf Sinnen, werden wir auch mehr erleben.

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