Blogcrazy

Ich definiere mal kurz die "Kerngruppe". Die Top 50 der deutschen Bloglandschaft weist tägliche Besuchszahlen von etwa 2.000 bis rund 11.000 Besuchen auf. Zumindest nach der Reichweiten-Zählung des Dienstes Blogscout, den die Kerngruppe mittlerweile für sich selbst mehr oder minder zum Standard erklärt hat. Den Spitzenplatz nimmt das BILDblog mit über 50.000 Besuchen am Tag ein, welches ich aber für die Betrachtung außen vor lasse, da es ein derartiger Ausreißer unter den Zugriffszahlen ist, dass es die "Kerngruppe" ungerechtfertigt gut besucht erscheinen ließe, wenn ich schriebe, dass die Top 50 Besuchszahlen von 2.000 bis über 50.000 aufweist. Im Übrigen wurde auch schon viel darüber diskutiert, ob das Bildblog überhaupt ein Blog ist, was zumindest insoweit fraglich ist, als man dort nicht – wie ansonsten sogar auf den Portalseiten großer deutscher Magazine schon üblich – kommentieren kann. Die "Kerngruppe" rekrutiert sich also aus Blogs, die täglich von maximal 11.000 Besuchern (?, oder sind es nur 11.000 Besuche) frequentiert werden. Nach den Erkenntnissen des (N)Onliner-Atlasses 2006 sind rund 58 % der deutschsprachigen Internetnutzer über 14 Jahre mehr oder weniger häufig online. Das sind Millionen. Millionen verhält sich nun zu 11.000 wie ein Baggersee zum Atlantik.

Dennoch sind die Kerngruppler von ihrer eigenen Bedeutung in einer Art und Weise überzeugt, dass der normaldenkende Medienkonsument den Eindruck gewinnen kann, es handele sich hier um revolutionäre Zellen, die in Kürze zu einem Umbruch wie seinerzeit die Gutenbergschen Innovationen führen werden. Es ist schon wahr, dass dem Thema "Blog" in den letzten zwei Jahren ein steigendes Besucher- und auch Medien-, wie Wirtschaftsinteresse zuteil geworden ist. Dies aber eben auf einem relativ oder gar sehr niedrigen Niveau.

Auch suggeriert die Bezeichnung "Blogosphäre", wahlweise "Kleinbloggersdorf" oder ähnlich, eine Gemeinschaft, die schlichtweg nicht existent ist. Der eine "Topblogger" schreibt über juristische Themen, der andere über die Playstation Portable. Wieder ein anderer schreibt zu Photoshop und der nächste betreibt ein Googlewatchblog. Gemeinsam ist denen lediglich die Funktionalität der technischen Plattform. Eine Software, die es ermöglicht, in chronologischer Weise relativ einfach Texte zu verfassen und dazu Kommentare zu empfangen. Genauso gut können wir auch eine "KFZtosphäre" ausrufen, zu der jeder gehört, der ein motorbetriebenes Gefährt bewegt. Egal, ob er damit nur sich selbst, Zuchtschweine, Getränke, Abfall oder sonst irgendetwas transportiert.

In der aktuellen Diskussion versucht nun der Cabriofahrer dem LKW-Fahrer moralische Bedenken einzureden, weil dieser beabsichtigt, die Seitenflächen seines Ladeaufbaus als Werbeflächen zu vermarkten. Warum bloß? Fragt man sich als werbegewöhnter Mitteleuropäer. Wird der LKW-Fahrer deshalb jetzt das Bier anders als bislang zum Getränkemarkt transportieren? Wird der ÖPNV seine Passagiere mit Werbung an den Seiten seiner Karossen auf irgendeine erdenkliche Art und Weise anders befördern? Wenn am Abend vor dem Wetterbericht angekündigt wird, dass einem selbiger von einem großen Finanzdienstleister präsentiert wird, muss man dann davon ausgehen, dass die Vorhersage spekulativer als vielleicht sonst üblich ausfallen wird? Oder ist solches nicht längst üblich und dem aufgeklärten Normalbürger durchaus zuzumuten, zwischen Werbung und Inhalt zu unterscheiden?

Nun haben ein paar der "Topblogger" (irgendwie geht mir dieser Begriff schwer von der Hand) eine Konferenz, eher ein Treffen veranstaltet und sich mit einem recht eindrucksvollen Programm gegenseitig ihrer Relevanz versichert. Damit haben sie es gar bis in die Tagesthemen geschafft, was nun hinsichtlich seiner Reichweite ein wirklich relevantes Medium ist. Die dortige Berichterstattung fokussierte aber auch eher die lustige, schrullige Seite dieses neuen Randphänomens "Blogger".

In den vergangenen zwölf Monaten hat es verschiedene Versuche gegeben, Blogs zu kommerzialisieren. Diese Versuche gingen in nahezu allen Fällen von größeren Medienhäusern, oder deren Auftragnehmern aus. Auch Germanblogs ist letztlich ein solcher Versuch, über dessen Erfolg ich als Autor keine Aussagen machen kann, da mir hierzu schlicht keine Informationen zugänglich sind. Potentiell würde ich jedoch sagen, dass aufgrund der sehr niedrigen Einzelbesucherzahl eines jeden Blogs der Germanblogs-Ansatz, unter einem gemeinsamen Dach soviele Themenblogs wie möglich zu vereinigen, der richtige Weg ist, um auf eine werberelevante Gesamtbesucherzahl zu kommen.

Ähnliches versuchen ein paar der deutschen "Topblogger" nun auch, indem sie ein Netzwerk namens adical gegründet haben. An diesem Netzwerk nehmen derzeit knapp drei Dutzend deutsche Blogs aus der Blogscout-Topliste teil. Den Blogs ist inhaltlich und optisch weitgehend nichts bis gar nichts gemeinsam, bis auf eben die Werbeeinblendungen der adical-Werbepartner, von denen es offenbar derzeit mit dem nicht unumstrittenen Unternehmen Cisco nur einen einzigen gibt.

Gegen die adical-Idee gibt es im Grunde nichts zu sagen. Früher schon gab es Bannernetzwerke. Vor einigen Jahren bekam man seinen Webspace bei 1&1 billiger oder gar kostenlos, wenn man sich bereit erklärte am Bannernetzwerk zu partizipieren. Pekuniäre Vorteile im Übrigen hatte man damals allerdings nicht. Nun also kommt adical daher, bietet den Werbepartnern ein kumuliertes Besucheraufkommen der diversen Blogs an und kann so möglicherweise insgesamt eine interessante Größenordnung aus Sicht der Werbeindustrie aufweisen. So weit, so gut.

Was ich allerdings bei adical absolut nicht nachvollziehen kann, ist deren Beschränkung: …, dass adical nicht jeden Kunden annehmen kann und will. [Zitat: adical.de] Damit begibt sich adical in die Kampfzone der Bewertung dessen, wessen Werbung einer Werbefläche im Netzwerk würdig ist und wessen nicht. Damit geht eine Identifizierung mit dem beworbenen Produkt einher, die im Grunde nicht wirklich gewollt sein kann. Darauf werden sich in der Zukunft vermeidbare Diskussionen gründen, die das Netzwerk nicht wird gewinnen können.

Sauberer wäre es, wie es auch in der sonstigen Werbewirtschaft üblich ist, die Flächen frei an jeden zu vermarkten und den zu nehmen, der bereit ist, die Preise zu bezahlen, solange dessen Werbung und/oder Produkt nicht eindeutig gegen geltendes Recht verstößt. Damit bin ich als Werbeflächeninhaber aus allem raus und kann mich auf meine Inhalte konzentrieren. Natürlich kommt es bei dieser Verfahrensweise auch zu solchen Stilblüten wie jener bei Spiegel Online, als vor einigen Wochen in die Berichterstattung über die Terrororganisation Hisbollah Video-Werbung für den Stern-Artikel über die RAF eingeblendet wurde. Aber damit kann und muss man als Werbeflächeninhaber dann eben leben.

Das Hauptproblem, dass sich möglicherweise noch als Hemmschuh für die weitere Akzeptanz und das Wachstum der bestehenden Blogangebote erweisen wird, ist die extreme Selbstreferenzialität der "Szene". Nichts wird objektiv und nüchtern betrachtet, alles wird diskutiert und zerrissen, zerredet. Und mitten im verbalen Massaker, in dem sich die Akteure, die daran teilnehmen, gegenseitig ohne Nutzwert beschädigen, entstehen dann verquere Konzepte wie jenes von der Werbeplattform adical, die aber nur für Produkte wirbt, für die sie werben will. Oder es werden Treffen veranstaltet, an denen manch beleidigter
Blogger nicht teilnehmen will, weil der verfeindete Blogger Z auch da sein wird oder weil über Themen gesprochen werden soll, über die er nicht sprechen will. Oder es werden in der selbsternannten Haupttopliste, dem Blogscout Sortierungen eingeführt, die hinsichtlich der Platzierungen nicht nach der objektiven Reichweite, sondern nach subjektiven Kriterien differenzieren.

Und alles ist immer Hype, Blogcrazy…

[Foto: www.pixelio.de Fotograf: stefane]

3 Meinungen

  1. Blogs werden von gewissen Leuten maßlos überbewertet. Scheinbar auch, um sich selbst Berechtigung, Wichtigkeit zu geben. Auf meinem Blog bei blog.de habe ich momentan so um die 750 Leser pro Tag. Mal mehr, mal weniger. Ich denke, man sollte schreiben was man möcht, was man denkt, Spass haben, aber nicht davon ausgehen, man könne damit die Welt aus den Angeln heben. Vielleicht werden Blogs ja mal zu einer Macht in Deutschland. Deshalb also bitte auch nicht unterbewerten.

  2. Dieter Petereit

    .750 Leser pro Tag ist schon eine ganz erkleckliche Zahl. Glückwunsch. Allerdings hast Du es da als Spaßblogger auch leichter. Noch mehr Zugriffe könntest Du haben, wenn Du ein paar Nackerte herzeigen tätest ;-).Im Grunde sind Blogs, wenn sie sich mit realen Themen beschäftigen, von ihrer Relevanz her doch eher sowas wie Leserbriefe und Diskussionsbeiträge in einer fremdgeführten Debatte. Da kann mal ein interessanter Impuls bei rauskommen, aber niemals etwas umwälzendes..

  3. Von so vielen Besuchern täglich kann ich nur träumen. Mit etwas Glück hab ich im ganzen Monat vielleicht mal die Hälfte. Naja wird schon ;)Als Fun-Blogger ist es definitiv leichter. Über Spaß gibt es so vieles zu berichten… :)Jedenfalls viel Erfolg noch mit dem Blog!

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