Immer mehr Menschen bleiben länger im Job – manchmal aus Freude an der Aufgabe, manchmal weil es finanziell sinnvoll oder nötig ist. Für die Generation 60+ kann das eine Chance sein: Erfahrung zählt, Routine hilft, und viele kennen ihre Stärken sehr genau.
Gleichzeitig verändert sich der Körper, und auch die mentale Belastung kann zunehmen, wenn Tempo, Technik oder Erwartungen steigen. Entscheidend ist deshalb nicht „durchhalten um jeden Preis“, sondern altersgerechtes Arbeiten: so, dass Energie, Gesundheit und Motivation erhalten bleiben.
Damit Arbeiten im Alter gut gelingt, helfen ein paar praktische Stellschrauben – für Beschäftigte ebenso wie für Arbeitgeber:innen.
Physische Gesundheit: Ergonomie und Bewegung als tägliche Basis
Ergonomie ist kein Luxus, sondern ein Werkzeug, um fit im Arbeitsalltag zu bleiben. Wer viel sitzt, sollte den Arbeitsplatz so einstellen, dass Schultern locker bleiben, der Rücken gestützt ist und der Bildschirm auf Augenhöhe steht. Eine einfache Regel: Beide Füße stehen stabil am Boden, Unterarme liegen entspannt auf, und die Maus ist nah am Körper. Ein passendes Headset kann Nacken und Schultern spürbar entlasten.
Praxisbeispiel Büro: Martina (63) arbeitet im Kundenservice. Sie hatte häufig Verspannungen und Kopfschmerzen. Mit einem höhenverstellbaren Tisch, einer Bildschirmhalterung und zwei kurzen „Bewegungs-Minuten“ pro Stunde gingen die Beschwerden deutlich zurück. Ihr Trick: Telefonate im Stehen führen und jede Stunde einmal die Schultern kreisen.
Wer körperlich arbeitet, braucht andere Maßnahmen: gute Hebetechnik, passendes Schuhwerk, Hilfsmittel zum Tragen und Pausen. Auch kleine Änderungen wirken: Material in Griffhöhe lagern statt bodennah, Werkzeuge mit rutschfestem Griff, weniger Zwangshaltungen über Kopf.
Praxisbeispiel Handwerk: Thomas (61), Malerbetrieb, merkte Knieprobleme auf der Baustelle. Mit Knieschonern, häufigerem Positionswechsel und einem festen Plan für Mikropausen (zwei Minuten Dehnen nach jeder größeren Fläche) wurde der Arbeitstag spürbar leichter.
Bei chronischen Beschwerden gilt: nicht „wegbeißen“, sondern intelligent anpassen. Wärme, gezielte Übungen (z. B. Rücken, Hände, Schultern), und wenn nötig eine ergonomische Beratung oder Physiotherapie können verhindern, dass Kleinigkeiten zu Ausfällen werden.
Mentale Gesundheit: Stress senken, Veränderungen meistern, Haltung stärken
Mentale Belastung steigt oft schleichend: mehr Tempo, neue Software, Umstrukturierungen, weniger Personal. Hilfreich ist ein klarer Umgang mit Stress: Prioritäten setzen, realistische Tagesziele formulieren und Pausen wirklich nutzen – ohne nebenbei E-Mails zu checken. Kurze Atemübungen oder ein fünfminütiger Spaziergang können den Kopf resetten.
Veränderungen sind nicht nur eine Frage des Könnens, sondern auch des Selbstvertrauens. Wer sich sagt „Ich muss alles sofort können“, setzt sich unnötig unter Druck. Besser: Lernschritte planen und nachfragen, ohne sich dafür zu rechtfertigen.
Ein sensibles Thema ist Altersdiskriminierung: abfällige Sprüche, weniger spannende Aufgaben oder die Annahme, man sei „nicht mehr so schnell“. Hier hilft eine sachliche, klare Linie: Leistung und Erfahrung sichtbar machen, konkrete Ziele vereinbaren und Unterstützung einfordern. Auch Verbündete im Team oder der Betriebsrat können stärken.
Weiterbildung: Digitale Kompetenzen ausbauen – ohne Überforderung
Für Generation 60 plus ist Weiterbildung ein Schlüssel, um sicher im Arbeits-Sattel zu bleiben. Das heißt nicht, jedes neue Tool lieben zu müssen. Es reicht oft, die wichtigsten Funktionen zu beherrschen: Videokonferenzen, Dateiablage, grundlegende Sicherheit (Passwörter, Phishing) und die Programme, die täglich genutzt werden.
Sinnvoll sind kurze Lernformate: 30 Minuten pro Woche statt ein ganzer Tag, am besten mit direktem Bezug zur eigenen Tätigkeit. Interne Schulungen, Lern-Tandems oder externe Kurse (Volkshochschule, Fachanbieter) sind gute Optionen.
Praxisbeispiel: Sabine (62) hatte Respekt vor neuer Projektsoftware. Sie bat um ein Lern-Tandem mit einem jüngeren Kollegen: 20 Minuten pro Woche, immer an echten Aufgaben. Nach sechs Wochen war sie sicher – und gab im Gegenzug ihr fundiertes Wissen zur Kundenkommunikation weiter.
Was Arbeitgeber konkret tun können
Altersgemischte Teams sind besonders stark, wenn Wissen bewusst geteilt wird: Mentoring in beide Richtungen (Erfahrung ↔ digitale Routine), gemeinsame Standards und realistische Zeitplanung. Flexible Modelle helfen, gesund zu bleiben: Gleitzeit, Teilzeit, Jobsharing, mehr Planbarkeit bei Schichten oder die Möglichkeit, körperlich schwere Aufgaben zu rotieren.
Wichtig ist außerdem: ergonomische Ausstattung, klare Pausenregeln und eine Kultur, in der Nachfragen normal ist. Wissenstransfer funktioniert am besten, wenn er eingeplant wird – etwa durch Dokumentation, kurze Übergabeformate oder feste Zeiten für Einarbeitung.
Zusammengefasst: altersgerechtes Arbeiten ist gestaltbar
Wer länger arbeiten möchte oder muss, kann viel dafür tun, im Arbeitsalltag fit zu bleiben: ergonomisch einrichten, regelmäßig bewegen, Stress aktiv reduzieren und Weiterbildung in kleinen Schritten angehen. Arbeitgeber:innen profitieren gleichzeitig von stabiler Leistung, Erfahrung und Loyalität – wenn sie Rahmenbedingungen schaffen, die Gesundheit und Motivation bis zur Rente unterstützen.
Bildherkunft: iStock-1365567295-jacoblund
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