Neu ist die Theorie nicht, dass Menschen, die eher spartanisch essen und ein Drittel weniger Kilokalorien zu sich nehmen als der Durchschnitt, unter Umständen viel älter werden können als Normalesser oder gar adipöse Menschen. Doch Focus erklärt das Wie und Warum im aktuellen Heft sehr präzise. Alles sehr informativ und gut recherchiert. Schon vor einiger Zeit habe ich darüber gelesen, dass entsprechende Effekte bei Mäusen und anderen Tieren beobachtet wurden, doch ich wusste nicht, dass es bereits Langzeiterfahrungen mit Menschen gibt. So wird von sogenannten CRONies berichtet (Calorie Restriction with Optimal Nutrition), die nur zwischen 1600 und 1800 Kilokalorien pro Tag zu sich nehmen, weil sie hoffen, dass sie der Verzicht auf üppige Gaumengenüsse älter werden lässt – und das bei guter Gesundheit. Unangenehme Nebenwirkungen wie erhöhte Kälteempfindlichkeit oder verminderte Libido nehmen sie mehr oder weniger bewusst in Kauf. Sie setzen ihren Körper durch die verminderte Energieaufnahme unter leichten Dauerstress, damit er – so die Theorie – Schutzmaßnahmen ergreift, die sich auf Körperzellen und Gene auswirken sollen.
Was isst ein CRONie?, wird jetzt der eine oder andere Leser wissen wollen. Laut Focus Obst, Gemüse und Vollkorngetreide. Dazu reichlich Nahrungsergänzungsmittel (… die Pharmaindustrie wird sich freuen!). Nach 13.00 Uhr bleibt der Kühlschrank übrigens zu. Wer CRONies dennoch zum Abendessen einlädt, der darf zusehen, wie diese Kräutertee trinken, während der Gastgeber selbst sein Steak verspeist. Für mich wäre das definitiv nichts, denn wo bleibt da die Lebensfreude? Ein Anti Aging-Menü mit ausgewählten Lebensmitteln würde ich akzeptieren, wenn es mir schmeckt und abwechslungsreich ist. Aber ab 13.00 Uhr nichts essen, nur um über 100 Jahre alt zu werden? Und das bis zum Ende des Lebens? Ohne mich.
Essen ist meiner Meinung nach eine höchst individuelle Geschichte. Ich bin kein Ernährungsexperte, aber Hungern ist aus meiner Sicht genauso falsch wie Völlerei. Zwar steht im Focus-Artikel, dass auch das Gehirn von einer kalorienarmen Spezialkost profitiert, doch ich würde vermutlich irgendwann am Fensterkitt knabbern, wenn ich nach 13.00 Uhr nichts mehr essen dürfte. Zum Glück habe ich keinerlei Gewichtsprobleme. Ich denke auch nicht täglich über mein Essen nach. Essenstechnisch bevorzuge ich Dinge, die erfreulicherweise sogar gesund sind. Doch wenn ich am Abend Lust auf einen Teller Spaghetti habe, dann geht es ab in die Küche. Ganz ehrlich: Ich bewundere CRONies für deren Disziplin, doch die Schmalkost-Forscher und Anti Aging-Mediziner dieser Welt werden es nie schaffen, mir ihre "Cuisine à la Kerker" schmackhaft zu machen, denn Hungern kann doch kein Lebensziel sein. Einer Studie der University of California zufolge kann man mit einer entsprechenden Hungerkur 1,5 bis 7 Lebensjahre dazu gewinnen. Aber dafür auf meine heiß geliebten abendlichen Spaghetti verzichten? Niemals!
Ich würde auch niemals Pharmaprodukte schlucken, die diesen Hungereffekt im Körper nachahmen, denn ich halte nichts davon, den Körper so auszutricksen. Neue "Anti Aging-Wundersubstanzen", wie das im Beitrag erwähnte Resveratrol – der Stoff kommt u.a. in Rotwein, Beeren und anderen pflanzlichen Produkten vor – und alles, was danach kommt, nehme ich primär aus journalistischer Neugier zur Kenntnis. Meiner Meinung nach kann keine Substanz allein das Älterwerden aufhalten oder den Körper in irgendeiner Form regenerieren. Wer das glaubt, der glaubt auch an Zauberbohnen.
Leider werden selbst vielversprechende Substanzen und Wirkstoffe vermarktet, noch bevor sie wissenschaftlich erforscht werden konnten. Es geht als auch um viel Geld. Und es wird mit Hoffnungen und Ängsten gespielt. Wissenschaftler haben klare Ziele definiert. Sie wollen beispielsweise 80-Jährigen den Gesundheitsstatus und das Lebensgefühl von 50-Jährigen verschaffen. Das ist völlig legitim. Vielleicht lasse ich mir auch medikamentös "helfen", wenn ich hochbetagt bin. Meine Frau Mama nimmt das eine oder andere Mittelchen und sie ist überzeugt, dass sie davon profitiert. Doch da sie sich ungeachtet ihrer 78 Jahre viel bewegt, ausgewogen ernährt und ihre Hobbys pflegt, tut sie instinktiv schon viel von dem, was Präventionsmediziner empfehlen. Mittlerweile hat sie ihren persönlichen Anti Aging-Mix gefunden. Jedem das Seine. Wer sich alt hungern möchte und kann, der möge das tun. Wer dem Glück mit dem einen oder anderen pharmakologischen Anti Aging-Hoffnungsträger nachhelfen will, der möge das ebenfalls tun. Das Älterwerden ist schließlich eine ganz persönliche und individuelle Angelegenheit. Jeder darf heute nach seiner Facon älter werden. Das ist die gute Nachricht. Alles andere ist eine Frage des persönlichen Geschmacks und natürlich auch des Geldbeutels.
Nächste Woche widmet sich Focus übrigens dem chirurgischen Anti Aging. Ich bin schon gespannt, was es Neues auf diesem Sektor gibt. Ein Best of bekommen Sie hier bei germanblogs – versprochen!
