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    Start » Stiller Protest
    Politik Inland

    Stiller Protest

    23. Mai 20063 Minuten Lesezeit

    Die deutschen Praktikantinnen und Praktikanten sind
    irgendwie brav. Fast eine Million dürfte es von ihnen in den hiesigen
    Unternehmen geben. Große Unternehmen wie BMW, Bosch und DaimlerChrysler lotsen
    Hunderte von Praktikanten pro Jahr durch ihre Büros und Werkhallen. Nicht
    selten erledigen Praktikanten reguläre Arbeit für wenig Geld: für 200, 400 oder
    seltener für 800 Euro Monatsgehalt, unter vollem Einsatz und in
    der Hoffnung, dass am Ende eine Festanstellung winkt. Meistens müssen sie die
    Unternehmen jedoch über kurz oder lang wieder verlassen. Weil schon der nächste
    Praktikant Gewehr bei Fuß steht. So beginnen nicht wenige eine Praktikanten-Karriere.
    Unter ihnen unzählige Hochschulabsolventen, die dem Arbeitsmarkt nach dem dritten
    oder vierten befristeten Arbeitsverhältnis nur noch als gut ausgebildete
    Billiglöhner zur Verfügung stehen. Bzw. von den Personalchefs als solche
    angesehen werden. Sie werden somit zu „Kleenex-Mitarbeitern“ – benutzt,
    beschmutzt, weggeworfen.
     
    In der letzten Zeit ist in den Medien sehr viel über das
    studentische oder akademische Praktikanten-Dasein in Deutschland und anderswo
    berichtet worden. Überall, in der taz über die Süddeutsche bis zur ZEIT, ist
    das Schicksal der „Dauerpraktikanten“ immer wieder Thema gewesen. Mancher Autor
    hat sich gelegentlich verwundert gezeigt, wie genügsam und friedlich die
    deutschen Praktikanten sind. „Alle Welt“ problematisiert die so genannten
    prekären Arbeitsverhältnisse, nur diejenigen, die betroffen sind, schweigen. Selbst
    der Euromayday am 1. Mai, die „Parade der Prekarisierten“, hat gezeigt, dass
    die Praktikanten schwer zu mobilisieren sind, wenn es scheinbar um ihre
    elementaren Rechte und Interessen geht. Wer den Umzug in Hamburg beobachtet hat
    – so wie ich –, der konnte feststellen, dass es in erster Linie „linke“ Gruppen
    waren, die demonstrierten. Junge Leute aus den Werbeagenturen und den ach so
    beliebten „Medien“ (man hätte sie an der Kleidung erkannt), den Branchen also,
    die vor allem „Schindluder“ mit Praktikanten treiben, waren nicht auszumachen.
    Warum nur? Was befürchten sie? Oder sehen sie ihre Lage als nicht so dramatisch
    an? Möglicherweise verklären sie auch ihre Situation, nach dem Motto: Bei mir
    wird schon alles gut gehen, ich absolviere zwei, drei Praktika während des
    Studiums, und wenn ich den Abschluss in der Tasche habe, dann starte ich voll
    durch – als vollwertige Arbeitskraft, die angemessen bezahlt wird, und nicht
    erneut als Praktikant, Trainee oder Volontär, dessen berufliche Zukunft
    unsicher bleibt.
     
    Und jetzt das: Anfang April ist eine Petition in den
    Deutschen Bundestag eingereicht worden, die im Grunde darauf hinauswill,
    längerfristige Praktikanten-Stellen für Hochschulabsolventen gesetzlich
    verbieten zu lassen.
     
    Der
    Original-Text:
    „Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass Praktika von
    Hochschulabsolventen, die länger als drei Monate dauern und in dem Berufsbild
    abgeleistet werden, für das der Hochschulabsolvent ausgebildet wurde, in ein
    reguläres Arbeitsverhältnis umgewandelt werden.
     
    Begründung:
    Unzählige hochqualifizierte Menschen arbeiten ohne
    Entlohnung oder gegen einen Lohn, der unter dem Existenzminimum liegt. Solche
    so genannten Praktika dienen nicht der Aus- oder Weiterbildung.“
     
    Noch bis zum 14. Juni kann die Petition online mitgezeichnet
    werden. Derzeitig sind es schon über 26.000 Unterzeichner. Absolut
    rekordverdächtig, muss man sagen. Und das findet auch Steffen Kraft heute in der Süddeutschen. Denn nur selten unterzeichnen mehr als 1.000 Bürgerinnen und
    Bürger eine Online-Petition.
     
    Na, wenn dadurch mal keine Gesetzesinitiative angestoßen wird. In der
    Agenturwelt wird wahrscheinlich jetzt schon aufgestöhnt: Bloß nicht! Dem einen
    oder anderen Geschäftsführer wird bestimmt schon ganz mulmig. Und das kann man
    durchaus nachvollziehen. So manche Kleinst-Agentur in der Medien- oder
    Kommunikationsbranche würde um ihre Existenz bangen müssen, insbesondere
    diejenigen, unter deren Mitarbeitern mehr talentierte Praktikanten als
    Festangestellte zu finden sind. Aber erst einmal handelt ist es ja nur eine
    Petition, die überaus regen Zuspruch erhält. 

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