Wie interessiert ist die Welt an Dir?

Eine rege Diskussion hat sich im Weblog von Martin Röll entwickelt. Er vertritt die etwas provokante These, dass die meisten Ängste um die Privatsphäre im Internet unbegründet sind: „Aus einem einfachen Grund: Die Welt ist nicht so interessiert an uns, wie wir glauben.“

Natürlich handelt er sich prompt eine rege Diskussion darüber ein, die Tim Schlotfeldt auf den Punkt bringt:

„Wir wissen nicht mehr, wer welche Daten über uns sammelt und zu welchen Schlüssen diese Datensammlung dann führt. Wir können nicht mehr sicher sein, ob die gerade angezeigte Top-News bei Yahoo allen derzeitigen Besuchern angezeigt wird oder doch nur mir, weil Yahoos Profilanalyse das so für richtig gehalten hat.“

Ist es wirklich so schlimm? Schaun wir einfach mal, was alles Online über eine Person zu finden ist:

  • Natürlich das Googeln nach Namen, manchmal mit durchaus präkeren Informationen aus Online-Foren oder Kommentaren in Weblogs. Nicht bei mir, natürlich, und Informationsüberflutung ist eine legitime Art der Gegenwehr ;-).
  • Diverse Online-Netzwerke, von geschäftsorientierten wie openBC bis hin zu Portalen wie StayFriends, sind mit persönlichen Daten und Informationen zum Lebenslauf gefüllt. Und was hab ich dort nochmal vor einem halben Jahr von mir gegeben?
  • Adressen? Kein Problem, alle gängigen Telefonbücher sind online verfügbar. Die Satellitenbilder dazu sind hochauflösend und zeigen fast schon die Haustür.
  • Online-Bildergalerien wie z.B. flickr oder auch die Google-Bildersuche sorgen für das Gesicht zu Daten und Adresse.
  • Die manchmal etwas ruppigen Diskussionforen des Usenet sind über die Suche von Google Groups ebenfalls schnell durchsucht. Hoffentlich war ich immer artig 😉
  • Was ich gerne lese, steht auf meiner Amazon-Wunschliste (wer danach sucht, muß mir was daraus kaufen ;-). Ein leichtes, daraus Schlüsse zu ziehen. Die Erzählungen über unangenehme Erfahrungen bei der Einreise in die USA aufgrund der Amazon-Bücherliste kursieren nicht erst seit kurzem.

Und die Community ist fleissig dabei, neue Tools zu schaffen. Stalkerati beipielsweise dient dazu, gezielt nach Informationen zu einem Namen zu suchen. Dazu werden verschiedene Quellen, von Google über (amerikanische) Online-Netzwerke bis hin zu Bildern genutzt. Mit einem ehrenwerten Ziel in nur wenigen Stunden entwickelt:

„This site is basically a little hack I put together in 2 hours on May 1st, 2006 when a friend was heading out for a blind date and my sis was asked out (via email) by a guy that googled her.“

Oder das Tool „DC Webcam Scout“, eine Shareware, welche aktuell über 1.500 Webcams aus Europa und Nordamerika kennt. Und den Nutzer mit Live-Bildern dieser Webcams versorgt. Dabei benötigt man nicht einmal ein extra Programm dazu. Google hilft. Da die meisten Webcams über ein Web-Interface verfügen und nicht korrekt konfiguriert sind, sind sie zu finden. Einschlägige Suchbegriffe findet man in diversen Online-Foren und -seiten, beispielsweise in der Google Hacking Database.

Nur einige Beispiele von dem, was für Otto-Normalmensch heute schon, frei zugänglich, möglich ist. Wir reden hier noch nicht einmal über Algorithmen, die quasi-intelligent mit diesen Daten umgehen, die umfassende Profile erstellen.

Mit etwas Aufwand lässt sich also viel herausfinden. Ein Aufwand, der für Maschinen gar nicht mal so groß ist. Bei der intelligenten Verknüpfung unterschiedlicher Datenbestände genauso wie bei der Zuordnung von Nicknames und Pseudonymen zu Realnames werden wir künftig noch viele intelligente Algorithmen erleben. Ich bin gespannt, wie lange das Deep Web noch so undurchschaubar bleibt wie heute.

Schließen wir also das Internet? Nein. Aber entwickeln wir eine gewisse Sensibilität. Wie man mit persönlichen, mehr oder weniger sensiblen Daten umgeht, ist jedem selbst überlassen. Die Kenntnis der Möglichkeiten rund um diese Daten ist jedoch eine wichtige Entscheidungsbasis. Und gehört im Online-Zeitalter zur Grundbildung.

Ob die Welt heute oder morgen an mir interessiert ist? Ich weiß es nicht. Und deshalb passe ich doch lieber etwas auf.

Edit: Interessanter Beitrag bei heise online – Social Networking weckt Neugierde der Geheimdienste

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