Wählt Oliver Stone jetzt auch die Republikaner?

Seit er sich 1986 in Salvador zum ersten Mal den dunklen Seiten amerikanischer Außenpolitik annahm, gibt es in Hollywood kaum einen Regisseur, der so offen politische Filme dreht wie Oliver Stone. Egal ob er die Grausamkeit des Vietnamkriegs zeigte (Platoon und Geboren am 4. Juli), ungezügelten Kapitalismus anprangerte (Wall Street) oder die korrupten Machenschaften des Profisports aufzeigte (An jedem verdammten Sonntag), Stone war stets ein Kritiker seines Landes, scheute nicht davor zurück unbequeme Themen anzusprechen, die er mit visueller Bravour zu mitreißenden Filmen formte. Als Kind der 60er Jahre, der sich freiwillig für den Einsatz nach Vietnam meldete und das Versagen der Politik am eigenen Leib erfuhr, überrascht es nicht, dass er bisweilen zu kruden Verschwörungstheorien neigte, am berüchtigtsten in seinem Versuch den Kennedy Mord neu zu interpretieren.

Man hätte also erwarten können, dass sich auch World Trade Center mit all den Verschwörungstheorien beschäftigt, die seit dem elften September ihre Verbreitung finden. Doch weit gefehlt. Bis auf seinen Film-Noir U-Turn war Stone noch nie so unpolitisch wie hier. Keine Rede von nicht immer überzeugenden Erklärungen der offiziellen Stellen, weder Osama bin Laden noch Al-Qaida werden erwähnt, ja noch nicht einmal das Einschlagen der Flugzeuge in die Türme wird gezeigt. So erstaunlich es sich in Bezug auf den Regie-Berserker Stone anhört, World Trade Center ist ein weitestgehend subtiler Film. Er konzentriert sich ganz auf die wundersame Rettung zweier Polizisten (gespielt von Nicolas Cage und Michael Pena), die sich freiwillig für eine Rettungsaktion meldeten und unter den Trümmern begraben wurden. Nach qualvollen Stunden wurden sie von einem Marine gefunden, der schon aus der Armee ausgeschieden war, sich aber unter dem Eindruck der Terroranschläge auf eigene Faust nach New York aufmachte, um seiner Bestimmung zu folgen und Menschen zu retten. Es ist eine heroische Geschichte, die von Heldenmut und dem Guten im Menschen erzählt, die nur selten ins zu pathetische abgleitet und meist mit ihrem Humanismus überzeugt. Diese bislang kaum gekannte Qualität im Werke Stones führte nun zu der bizarr anmutenden Erfahrung, dass sich auch die christliche Rechte überaus lobend äußert. Andererseits kritisiert ausgerechnet der eher linke Kritiker Kenneth Turan in der LA Times den Film. In der Figur des Marines, der als einziger Begriffe wie Krieg und Rache in den Mund nimmt und sich nach dem elften September noch einmal bei der Armee verpflichtete und im Irak diente, sieht Turan ein Einknicken Stones gegenüber der längst widerlegten Lüge der amerikanischen Regierung, die eine direkte Verbindung zwischen dem elften September und Saddam Hussein herstellen wollte. Ein gerade angesichts der Geschichte Stones absurd wirkender Einwand, der allein dadurch entkräftet wird, dass sich der Film bis auf einige kleine Details penibel an die Fakten hält. Es jedem Recht zu machen ist Oliver Stone also auch diesmal nicht gelungen, aber andererseits, wer will das schon?

World Trade Center ist sicherlich weniger ambitioniert als Stones zuvor entstandener Film Alexander, der im Rückblick möglicherweise als letzter kreativer Exzess zu sehen sein wird, gleichermaßen grandios gelungen und gescheitert. World Trade Center dagegen könnte mit seiner Souveränität, seiner Ruhe und seiner Betonung der Bedeutung der Familie als erstes Alterswerk eines Regisseurs bezeichnet werden, der am 15. September immerhin auch schon 60 Jahre alt wird.

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