Unsere Männer sind in Venedig

Alles beginnt am 29. Januar 1996, als zum Schrecken der Venezianer und von Musikfans in aller Welt das weltberühmte Opernhaus „La Fenice“ bis auf die Grundmauern niederbrennt. Die Frage, ob es sich um einen Unfall oder um Brandstiftung gehandelt hat, erhitzt dabei bis heute die Gemüter. Drei Tage später zieht Berendt in die noch unter Schock stehende Lagunenstadt und versucht, die mysteriösen Hintergründe des Feuers zu recherchieren. Schon bald hört er Gerüchte, das Feuer sei aufgrund von Brandstiftung ausgebrochen. Bei seinen Nachforschungen entdeckt er die verborgenen Seiten der Serenissima und ihrer glamourösen und exzentrischen Bewohner (Klappentext, aber wahr). Mein Leseempfinden spiegelt sich bei Wieland Freund,  wenn er schreibt: „Berendt hat (…) nach Venedigs Normalos erst gar nicht gesucht, er porträtiert Künstler, Exzentriker, schnelle Aufsteiger und Übriggebliebene. Seltsam sind sie alle, und zwar weil der Text und nicht weil Venedig es will. Da wäre zum Beispiel der traurige schwule Dichter, der seine Not und Einsamkeit als Graffiti an Venedigs Mauern sprüht und sich am Ende doch am Treppengeländer aufhängt. Oder da wäre der kauzige Erbe der ersten amerikanischen Auslandsfamilie vor Ort. Vor langer Zeit waren die Curtis‘ aus Boston in den Besitz des berühmten Palazzo Barbaro gelangt, der Henry James als Kulisse für seinen Roman „Die Flügel der Taube“ diente, jetzt zwingt sie ein ganz gewöhnlicher Erbschaftszwist zum Verkauf zumindest des „piano nobile“, des Schauraums und prachtvollsten Stockwerks des Palastes.
Ein spannender Sommer-Roman, der sich gut zum darin Festlesen eignet und intelligent und so ganz nebenbei den Lesern viel von der wechselvollen Historie Venedigs vermittelt. Eine Anmerkung noch: All zu weit entfernt von Donna Leons „Commisario Brunetti“-Venedig Krimis   – auf die hier auch unbedingt noch einmal hingewiesen sein soll ( siehe Donna Leon: Blutige Steine. Commissario Brunettis vierzehnter Fall, 2006) ist das Buch übrigens  nicht:  Der allererste, den Berendts berühmte Landsfrau schrieb, handelt übrigens von einem Mord im Fenice.
John Berendt, geboren in New York als Sohn zweier Schriftsteller, ist einer der großen Autoren Amerikas. Er studierte Englisch an der Harvard Universität, wo er außerdem Redaktionsmitglied der Satirezeitschrift „The Harvard Lampoon“ war. Berendt ist Autor des Bestsellers Mitternacht im Garten der Lüste und war unter anderem Herausgeber des New York Magazine und Mitherausgeber des Esquire. Er lebt in New York. Pendo., 2006, 414 Seiten. Euro 23,60. Näheres siehe auch: Literarische Welt vom 8.7. 2006

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