?Unmögliches Wollen? ? Karoline von Günderrode nahm sich vor 200 Jahren mit einem Dolch das Leben

Karoline von Günderrode, die im Alter von 26 Jahren von eigener Hand starb, ist eine der schillernsten Figuren der deutschen Romantik. Ihr Zwiespalt zwischen Liebe und Freiheitsdrang spiegelt die Situation der Frau in der bürgerlichen Elite um 1800 und wirft auch ein Licht auf die späteren Emanzipationsbewegungen.
„Die Erde ist mir Heimat nicht geworden“ – dieser Ausspruch charakterisiert das gebrochene Verhältnis Karoline von Günderrodes zu ihrer Zeit und ihre Zerrissenheit als Frau und als Dichterin. Begabt, intelligent, anziehend, als Tochter einer verarmten Adelsfamilie jedoch früh in einem Frankfurter Damenstift untergebracht, litt sie unter ihren eingeschränkten Lebensverhältnissen. Zwei Liebesbeziehungen scheiterten. Ihr Werk  ist schmal. Zu Lebzeiten hat sie zwei Bände veröffentlicht: Lyrik, Dramen, Prosa. Der letzte geplante Gedichtband entstand in der Zeit ihrer Bekanntschaft mit dem neun Jahre älteren, unglücklich verheirateten Mythenforscher Friedrich Creuzer. Er wurde ihr Mentor und Geliebter. Doch die Verbindung zerbrach unter dem Einfluß von Freunden Creuzers. Nachdem er sich von ihr losgesagt hatte, wählte Karoline von Günderrode 26jährig in Winkel am Rhein den Freitod. Den Dolch, Zeichen für Selbstbestimmung und Freiheit, trug sie stets bei sich. Der Nachwelt ist das einzigartige, konzentrierte Leben dieser unruhigen Frau oft noch interessanter erschienen als ihre Dichtungen: Bettine von Arnims Günderrode-Buch und Christa Wolfs Erzählung Kein Ort. Nirgends, sowie ein Essay  in dem Christa Wolf Gestalt und Lebensgeschichte der Dichterin mit großem Einfühlungsvermögen  beschreibt, indem sie auf die grundlegenden Zusammenhänge zwischen innerer Biographie, Literatur und Gesellschaft eingeht.
„Die Sehnsucht zu lieben ist ein Gedanke der ins Unendliche starrt.“ Literatur sollte ihre Waffe zur Selbstbehauptung sein, Aphrodisiakum ihrer kosmischen Liebe und Werkzeug ihrer Selbstvergewisserung. Aber sie lebte wie eine, die die Nacht des Wahnsinns viele Male durchlief. Und die des Todes: „Die Erde ist mir Heimat nicht geworden.“ Keiner der Köpfe ihrer Zeit las ihre Gedichte und Versdramen ohne metaphysischen Schauder; und doch blieb sie in ihrer erotischen Kraft unerwidert.Als Karoline mit 24 Jahren unter dem Pseudonym „Tian“ ihr erstes Buch, „Gedichte und Phantasien“, veröffentlichte, schrieb Goethe an die Dichterin: „Diese Gedichte sind eine wirklich seltsame Erscheinung.“
Karolines Dichtungen bringen nicht nur den Konflikt zum Ausdruck, in dem sich eine liebende Frau damals befand, die zugleich ihr eigenen Ideen zu verwirklichen suchte, sie nehmen auch das Ende ihres hochgespannten Lebens vorweg:
In die heitre freie Bläue
In die unbegränzte Weite
Will ich wandeln, will ich wallen
Nichts soll meine Schritte fesseln.
Leichte Bande sind mir Ketten
Und die Heimat wird zum Kerker.
Darum fort und fort ins Weite
Aus dem engen dumpfen Leben.

Auch der zwei Jahre ältere Clemens Brentano war überrascht: „Ich kann es immer noch nicht verstehen, wie sie Ihr ernsthaftes poetisches Talent vor mir verbergen konnte“. 1780 in Karlsruhe geboren, erstach sich Karoline von Günderrode 1806 am Rhein. Am nächsten Tag fand man ihre Leiche im Wasser. „Ein tiefe Wunde, nicht ganz ein Zoll lang; der Stich zwischen 4. und 5. Rippe in die linke eingedrungen“, vermerkt das ärztliche Protokoll. Bestattet wurde sie auf dem Friedhof der Winkeler Pfarrkirche St. Walburga.
Dagmar von Gersdorff: Die Erde ist mir Heimat nicht geworden. Das Leben der Karoline von Günderrode. Insel, Frankfurt am Main 2006 Markus Hille: Karoline von Günderrode. (= rowohlt monographie). Rowohlt, Reinbek 1999. Bettine von Arnim: Die Günderode. Zahlreiche Ausgaben, z. B. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994 Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends. Berlin und Weimar, (Erzählung über eine mögliche aber fiktive Begegnung der Günderrode mit Heinrich von Kleist) Quellen: Wikipedia, Amazon, Harenbergs Literaturlexikon.

2 Meinungen

  1. ►Als Karoline mit 24 Jahren unter dem Pseudonym „Tian“ ihr erstes Buch, „Gedichte und Phantasien“, veröffentlichte, schrieb Goethe an die Dichterin: „Diese Gedichte sind eine wirklich seltsame Erscheinung.“◄Dies hat Goethe nicht an Karoline von Günde(r)rode geschrieben, sondern an Heinrich Carl Abraham Eichstädt, Professor und Bibliothekar in Jena, der im Jahr 1804 auf Goethes Vorschlag hin Redakteur der »Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung« wird. Der fragliche Satz entstammt einer Replik Goethes vom 28. April 1804 auf ein umfangreiches Schreiben Eichstädts, das Goethe mit kurzen Anmerkungen versieht. Eichstädt hatte sein Schreiben in einzelne Punkte untergliedert, die er mit Großbuchstaben kennzeichnete. Punkt G. lautet wie folgt: »G. Brief und Recension von Nees von Esenbeck nebst dazu gehörigen Gedichten.«Eichstädt kommentiert damit eine von zahlreichen beiliegenden Schriften.Goethe antwortet: »Ad G. Diese Gedichte sind wirklich eine seltsame Erscheinung und die Recension brauchbar.«Nun ist es interessant zu lesen, dass diese Stelle auf den 1804 erschienenen Band »Gedichte und Phantasien« bezogen wird. Alle mir bis dahin bekannten Auslegungen beziehen dies auf eine Rezension von Eschenmayers »Die Philosophie in ihrem Übergange zur Nichtphilosophie«, das 1803 in Erlangen erschien. Allerdings macht in diesem Zusammenhang die Rede von »Gedichten« nicht viel Sinn. Kannst Du angeben, wer den Satz Goethes auf den Gedichtband der Günde(r)rode bezogen hat und vielleicht auch, auf welcher Grundlage? Ist vielleicht eine Rezension des Bandes durch von Nees in der »Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung« nachgewiesen worden?

  2. Gerade finde ich, dass Karoline von Günde(r)rode eng mit Lisette Nees von Esenbeck befreundet war und deren Mann für den Band »Gedichte und Phantasien« den Kontakt zum Verleger hergestellt hatte. Das macht es allerdings schon sehr wahrscheinlich, dass sich Goethes Zeilen auf den Gedichtband beziehen.

Schreiben Sie Ihre Meinung

Ihre Email-Adresse wird Mehrere Felder wurden markiert *

*

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.