Skandal im Buchbezirk – ein kleiner Überblick über die jüngsten Aufregungen

Endlich, muß man fast sagen, denn ich habe mich geweigert, die sogenannte Spiralblockaffäre
(die sich übrigens keine drei Kilometer von hier entfernt zutrug)
ernstzunehmen, nachdem sich der Ankläger Stadelmeier nicht einmal mit
sich selbst auf eine einheitliche Darstellung der Ereignisse einigen
konnte. Wurde er hinausgeworfen? Ging er empört von selbst? Wir werden
es wohl nie erfahren.

Dafür erfahren wir in der taz,
was in Sachen Kritikerstreit los war. Das war so: Beim Deutschlandfunk
gibt es eine uralte und entsprechend renommierte Literatursendung, das
“Studio LCB”. LCB ist das Kürzel für das umtriebige Literarische Colloquium Berlin, in dessen Räumen jüngst Volker Weidermann sein Buch Lichtjahre vorstellte, eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute, so der Untertitel. Eigentlich eine ganz normale Buchpremiere des Verlags Kiepenheuer&Witsch, sollte man meinen.

Natürlich
waren auch ein paar Kritikerkollegen eingeladen, die über dieses Buch
debattieren sollten, wie das eben so üblich ist, und das ganze wurde
dann auch im Deutschlandfunk gesendet. Nun ist es aber auch üblich, zu
Buchpremieren eher wohlmeinende Kritikerkollegen einzuladen, die die
schöne Feier nicht kaputtreden, denn die Premierenveranstaltung soll ja
auch eine Art Taufe für den Autor und sein Baby sein.

Und
die geladenen Kritikerkollegen, im Einzelnen: Zeit-Literaturchef Ulrich
Greiner, der Leiter des Kopenhagener Goethe-Instituts Christoph
Bartmann und der eigentlich zur Neutralität verpflichtete Moderator
Hubert Winkels, die alle drei hielten nicht sehr hinterm Berg mit ihrer
Ansicht, daß man zur Not auch so über Literatur schreiben kann, daß das
aber eigentlich nicht wirklich sein muß. So wurde nicht Weidermanns
literaturkritischer Scharfsinn gelobt, sondern sein Erzähltalent. Das
ist schon ein bißchen gemein. Außerdem ginge Weidermann die Literatur
zu biographisch an; ihre eigentliche Kernkompetenz, Sprache und Form,
behandele er so nebenbei bis gar nicht, höchstens erzähle er nach. Bei
135 Autoren auf 320 Seiten ist allerdings auch nicht mehr zu leisten.
Und Weidermann weist ausdrücklich darauf hin, daß ihn gerade der Mensch
hinter dem Autor interessiere.

Das brachte nun den ebenfalls anwesenden Maxim Biller, seines Zeichens skandalerprobter Autor und laut Winkels “aus einer älter gewordenen Halbstarkengruppe hervortretend”, auf die Palme. “Du
bist doch ein richtiges Arschloch! Einen Autor mit seinem neuen Buch
fertig zu machen! Drei gegen einen. Hinterhältig und feige. Ich will
darüber nicht diskutieren! Mit dir nicht!”
raunzte er Moderator Hubert Winkels an. Damit, könnte man denken, ist die Geschichte erledigt und die Kontrahenten sind quitt.

Aber
es geht fröhlich weiter: Alle Kritiker haben ja so ihr Hausblatt. Und
so breiteten Christoph Bartmann in der SZ und das Duo Greiner/Winkels in der ZEIT
nochmal aus, was da passiert war. Denn das sei nichts weniger als eine
Glaubensfrage: Emphatiker und Gnostiker seien da gegeneinander
angetreten, oder, wie Gerrit Bartels in der taz meint, das Establishment sei punkrockmäßig herausgefordert worden.

Die Emphatiker, das seien laut Winkels “die Leidenschaftssimulanten und Lebensbeschwörer”, die es nicht länger ertrügen, daß “immer
noch einige darauf bestehen, dass Literatur zuallererst das sprachliche
Kunstwerk meint, ein klug gedachtes, bewusst gemachtes, ein formal hoch
organisiertes Gebilde … “
Also die Punkrocker, sozusagen, “mit dem unbedingten Hunger nach Leben und Liebe” und dem Autor fest im Blick.

Die Gnostiker, das Establishment oder “Haltbarkeitsfeuilleton” (Bartels), das sind die, denen “ohne
Begreifen dessen, was sie ergreift, auch keine Lust kommt; die sich
sorgen, falschen Selbstbildern, kollektiven Stimmungen, Moden und
Ideologien aufzusitzen … die Gnostiker sehen erst einmal Texte und dann
frühere Texte und diese auch noch in größeren Kontexten.”

Vielleicht
also eine Altersfrage, vielleicht auch eine Typfrage. Auf der einen
Seite also junge wilde Popper, auf der anderen die literarisch
beflissenen Bleiwüstenforscher, auf der einen die KiWis, auf der
anderen Suhrkamp. Natürlich geht das nicht immer so glatt auf, das
gesteht auch Winkels und führt dann so rührend vergessene Beispiele an,
daß ich gar nicht anders kann, als sofort zum Emphatiker wider Willen
zu werden (wie auch Georg Diez in der Zeit).
Der Riß nämlich, so Winkels, gehe durch die Lager selbst – also
eigentlich sind das dann mehr als zwei Lager, wundere ich mich,
eigentlich sind das dann vier: Emphatische Gnostiker, gnostische
Gnostiker, gnostische Emphatiker und emphatische Emphatiker. Oder so.
Aber auch das weiß vermutlich nur wieder Herr Winkels, der immerhin
noch den Hinweis anbringt, daß es auf beiden Seiten “reißt und scheppert”.

Ich
wundere mich immer noch, aber zum Ende seines Artikels schwingt sich
Winkels dann nochmal auf, dieser Konflikt sei nun unbedingt innerhalb
der Literatur zu lösen, und es lohne sich ja auch, es gehe um etwas: “Um
unsere literarische Herkunft sowieso, aber eben auch um die neue
deutsche Literatur, die so viel Interesse findet wie lange nicht. Da
lohnt die Aufregung – daher kommt sie auch. Und darin steckt die Frage
nach der angemessenen Lektüre der Welt selbst.”

Ich weiß
ja nicht, ob meine Lektüre der Welt angemessen ist oder nicht, aber
ganz bestimmt spielt sie sich weder im poppigem Entertainmentbereich ab
noch im Altersheim für vergessene Avantgardisten. Also um was geht es?
Um die neue deutsche Literatur? Und was schert die Eiche, wenn die Sau
sich an ihr scheuert? Und Grabenkämpfe zwischen Sauen? Och nö. Die
Literatur braucht die Kritiker nicht wirklich. Als Kritiker aber
braucht man scheinbar eine gewisse Selbstüberschätzung, zu glauben, daß
ohne einen keine neuen Bücher entstehen.

Uwe Wittstock
zerlegt die Angelegenheit genüßlich in der Welt, nicht ohne aus
Kritiken Winkels zu zitieren, die ja offenbar die reine Lehre der
Literaturkritik verkörpern sollen: “Winkels
dagegen liebt, auch wenn er sich in der “Zeit” mit seinen Rezensionen
an eine große Leserschaft wendet, lange Inhaltsangaben, lange Sätze,
viele Fremdworte (…) und dazu Sätze wie: “Kaum nötig zu sagen, daß
die gesamte islamische Kultur die dort exponierte, aufs Alte Testament
zurückgehende theologische Problematik teilt und mit ihrer Ablehnung
der Figuration jene ornamentalen Dickichte und Labyrinthe erzeugt, die
der Roman von Christoph Peters so ausgiebig vorstellt und auskostet.
Man könnte den Finessen, mit denen diese Labyrinthe der
Undarstellbarkeit im Roman ausgefächert sind, noch lange weiter
nachforschen.”
Ob solcher Schwurbel das Publikum tatsächlich
anregt, Christoph Peters’ Finessen in den Labyrinthen der
Undarstellbarkeit nachzuforschen, sei jetzt mal dahingestellt.

Jetzt
ist ja die schönste Debatte nix, wenn keiner antwortet. Und Weidermann
ist nicht umsonst Literaturredakteur der SoFAZ, da darf man dann auch
gern mal in der Montagsausgabe unter dem Titel “Das Lesen ist schön”
Stellung beziehen und seine Sicht der Dinge darlegen. Jedes Mal, wenn
jemand so etwas Ähnliches wie seinen persönlichen Kanon im Kopf auch
mal aufschreibe, ginge das Geschrei los. “Ein besonders abseitiger Teil der Debatte”, schreibt Weidermann, “beschäftigt
sich mit der Frage, wie leidenschaftlich Literaturkritik sein darf, wer
unter den Kritikern eine „Scheinleidenschaft” verkörpere und wer die
wahre Leidenschaft. Nein, eine solche Debatte versteht kein Mensch
außerhalb des Literaturbetriebs, und sie interessiert auch niemanden.
Eine Literaturkritik, die eine solche Frage ernsthaft diskutiert, hat
sich von den Lesern längst verabschiedet. Sie will keine
Öffentlichkeit. Sie will unter sich bleiben. Das ist ihr gutes Recht.”

Wenigstens
hätten wir jetzt mal Sauen und Eichen voneinander unterschieden, prima,
und ihre Zuständigkeiten grob umrissen. Weidermann erzählt im folgenden
von seinem Vorhaben, zu zeigen, was die letzten sechzig Jahre so zu
bieten haben, jenseits von bleierner Nachkriegsliteratur und Gruppe 47,
dabei Langeweile zu vermeiden und radikal subjektiv zu sein.

Ich
weiß nicht, wie es Euch geht, aber Weidermanns Unternehmen, mit
Begeisterung an die Sache heranzugehen und Ansteckungsgefahr nicht von
vorneherein auszuschließen, ist doch grundsympathisch. Mir ist
eigentlich ziemlich wurscht, welchem Stall er entspringt und welchen
Stallgeruch er dementsprechend aufzuweisen hat, der die Kollegen
offenbar abstößt, aber so ein kurzes, begeistertes Überblicksbüchlein
kann man doch mal schreiben, oder nicht? Man kann schonmal als Literaturhistoriker zum Flaneur werden,
wie Tilman Krause in der Welt schreibt (übrigens ein historischer
Moment: Ich bin das erste Mal grob einer Meinung mit Herrn Krause),
wenn man dabei im Blick behält, daß das natürlich nicht der Weisheit
letzter Schluß und der Epoche tiefstmögliche Erforschung ist. Wenn man
also weiß, das es dabei nicht bleiben kann. Und auch, wenn Ina Hartwig
in der FR “Schriftstellerlebengeschichtskitsch” wittert und Wolf Biermann empört den Verlag verläßt, vielleicht dann sogar erst recht. Etwas geschickter geht Martin Krumbholz in seiner Besprechung in der NZZ vor, der auf die Gefahren hinweist, die ein solches Unternehmen mit sich bringt.

Weidermanns
Buch ist also nicht an seiner Methodik zu messen und daran, ob diese
nun richtig, falsch, poppig oder akademisch auf neuestem Stand ist. Es
ist daran zu messen, ob ihm seine Intention gelingt, also ob es
tatsächlich so literaturverführerisch wirkt wie der Autor es
beabsichtigt hat. Scheinbar ist das der Fall, glaubt man Augenzeuge
Bartels von der taz, der die “Aufmerksamkeitsschwelle” bei der Lesung als erstaunlich hoch einstufte, “als
er [Weidermann] seine Texte über Undine Gruenter oder Handke las, war
es still im LCB, das Publikum hörte gebannt zu. Als aber Ulrich Greiner
noch aus seinem eigenen Leseverführer, einer Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur,
las, da wurde unruhig mit den Füßen gescharrt, wollten die Ausführungen
zu Erzählhaltungen und Erzählperspektiven so gar nicht verführen.”

Und weiter geht’s. Die von mir sehr geschätzte Literaturzeitschrift Volltext aus Wien bekam vom Deutschen Literaturfonds Darmstadt
satte 300.000 Euro aus einem Fördertopf zugesprochen. Soweit, so
erfreulich. Mit diesem Geld soll nun eine Sonderausgabe zur Buchmese im
Herbst finanziert werden, in der der Deutsche Buchpreis (”The German
Booker” – wer hat da gelacht?) bejubelt werden soll. Und da beginnt die
Sache nun, ein wenig Geschmäckle zu entwickeln: So viel Geld für
Autoreninterviews, Portraits, Vorabdrucke, kurz: Werbung – oder doch
Berichterstattung? – über ein zu hypendes Lieblingskind der Branche.
Andererseits begleitet Volltext den Bachmannwettbewerb bereits seit
Jahren in dieser Art mit einer Sonderbeilage, auch ohne Fördergelder,
und ich als Wettlesen-Stammguckerin und regelmäßige Protokollantin weiß
diesen Service durchaus zu schätzen.

Der Literaturfonds selbst spricht in seiner Pressemeldung davon, “neue Wege der Förderung deutschsprachiger Gegenwartsliteratur zu erproben”. Man plant Großes auch in Sachen Leseförderung: “So
sollen beispielsweise sämtliche Schulen in Deutschland, Österreich und
der Schweiz angeschrieben, Kontakte zu den Lehrern aufgebaut und
Vorschläge für die Verwendung der abgedruckten literarischen Texte im
Unterricht gemacht werden. Auch die germanistischen Hochschulinstitute
und Fachschaften werden angesprochen, ebenso die Bibliotheken in den
deutschsprachigen Ländern vorab informiert, damit sie ein gezieltes
Buchangebot zu den vorgestellten Autoren bereitstellen können usw.”
Die in der Sonderausgabe besprochenen Bücher sollen unabhängig vom
Markterfolg von einer eigens eingerichteten Redaktion ausgewählt
werden, vor allem junge Autoren sollen einen Schwerpunkt bilden
(näheres zm Projekt im FAQ auf der Volltext-Website).

Das
klingt doch alles in allem erstmal ganz löblich. Vor allem, daß man
Anschluß an Schule und Universität sucht, ist eine feine und viel zu
selten durchgeführte Sache.

Und los gehen die Proteste. Ernest Wichner, Leiter des Berliner Literaturhauses, spricht von “Unfug”, ja hält die Förderung für “geradezu obszön”. Maria Gazzetti vom Frankfurter Literaturhaus meint, “Wir sind doch nicht bei ,BahnMobil’!”

Ulli
Janetzki vom LCB (Literarisches Colloquium Berlin, s.o.) wirft Gunther
Nickel, der die Förderung verantwortet, in einem
ausrufezeichenschwangeren offenen Brief “einen beispiellosen Akt von Selbstbedienung” vor, da Nickel auch als freier Autor für Volltext arbeite, das sei so “Gutsherrenart”:
“Daß Sie mit Ihrer Aktion Buchmarkt und Gegenwartsliteratur
verwechseln, wird Ihnen das deutschsprachige Feuilleton noch ausgiebig
erklären.”

Prima, ich warte gespannt.

Bernd Busch vom Literaturfonds hingegen betont, Nickel habe das unmöglich allein entscheiden können: “Schon
gar nicht kann das (aus sieben stimmberechtigten Mitgliedern
bestehende) Kuratorium als ein Gremium gewertet werden, das vom Lektor
für eigene Interessen instrumentalisiert werden kann.”
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, daß Busch aus einer E-Mail
von Janetzki (LCB) zitiert, in der dieser sich vor kurzem noch “fasziniert von der Idee”
gezeigt und seine Unterstützung zugesagt habe. Was den plötzlichen
Stimmungswandel herbeigeführt habe, könne sich Busch nicht erklären.

Felicitas von Lovenberg erwähnt in der FAZ,
der Literaturfonds habe für die vom LCB herausgegebene Zeitschrift
“Sprache im technischen Zeitalter” keine Förderung bewilligt, Janetzki
betone aber, er sei “nicht beleidigt”.
Frau Lovenberg hat auch in Erfahrung gebracht, daß die Literaturhäuser
eine eigene Publikation planen, weshalb man sich bei der
Volltext-Kooperation nicht beteiligen wolle. Herr Nickel antwortete
darauf, “daß
die Literaturhäuser eine Kooperation ausschlagen und nun statt dessen
eine eigene Zeitschrift gründen wollen, ist eine schlechte
Voraussetzung, um beim Literaturfonds Geld zu bekommen. Prima vista
werde ich vehement dagegen votieren, schon ganz einfach aus dem Grund,
daß ich Kooperationen für einen Königsweg halte … Wenn die
Literaturhäuser bestehende ,Kanäle’ nicht nutzen, sondern lieber ihr
eigenes Süppchen kochen wollen, ist das in meinen Augen ein schwerer
Fehler.” Eine Debatte über die deutsche Literaturförderung sei
überfällig, konstatiert Lovenberg, und auch Wieland Freund in der Welt
fragt: “Ein Fall von Vettern-Wirtschaft?”

Nun melden sich neben den Großkalibern auch die kleinen aber feinen Literaturzeitschriften zu Wort: Am Erker, Bella Triste
(Zentralorgan der Kulturjournalisten und Literarischen Schreiber von
der Uni Hildesheim) und die von mir ebenfalls sehr geschätzte Kritische Ausgabe (die sich auf ihrer Internetseite auch dazu äußert) haben sich zusammengetan und einen offenen Brief geschrieben.
Jetzt befürchtet man natürlich, klar, die stimmen ein in den
Protestchor, denen wurde ja fett was weggeschnappt an Geldern, die
müssen ja eh schon knausern, um zu überleben. Da wird, wähnt man, die
Eventkultur der jahrelangen, mühsamen Aufbauarbeit vorgezogen.

Ist aber nicht so, auch hier sind die Fronten nicht so eindeutig wie sie scheinen (oder einige sie wähnen): “Uns
aus unserer Unterperspektive erscheint es eher so, als würden hier
verschiedene größere Institutionen um den besten Platz an den
Fleischtöpfen kämpfen”, schreiben die drei, und: “Vor
allem anderen sehen wir dabei die Gefahr, dass der Deutsche
Literaturfonds e.V. fundamental angegriffen und beschädigt werden soll.
Wir halten den Literaturfonds für eines der am besten funktionierenden
Instrumente der Literaturförderung in Deutschland. Und auch das
Kooperationsprojekt gemeinsam mit VOLLTEXT finden wir richtig und
unterstützenswert.” Der Vorwurf, durch diese Entscheidung gingen kleinere Zeitschriften leer aus, sei “reine Suggestion”, sie seien in diesem Jahr wie auch in den vergangenen Jahren “in großem Umfang” gefördert worden. Und auch Gunther Nickel sei nichts vorzuwerfen, er mache seine Sache sehr gut: “Versuche, diesen Verdienst kleinzureden, sind in unseren Augen ehrenrührig.”

Auch Daniel Kehlmann stellt sich auf die Seite der Entscheidung des Literaturfonds: Gunther Nickel sei einer der “unzynischsten” Menschen, der ihm im Literaturbetrieb begegnet seien. Darüber hinaus senden Michael Kleeberg, Sibylle Lewitscharoff, Paul Brodowsky und der Wallstein-Verlag ihre Solidaritätsadressen. Joachim Leser von bluetenleser.de konstatiert, daß es wohl keine Alternative zum Volltext-Projekt gibt, will man wirklich Literatur millionenfach unter’s Volk bringen, und Georg Klein bemüht sich um eine Versachlichung der Debatte. Weitgehend neutral kommentiert auch Christoph Schröder in der FR.

Inzwischen (5.5.2006) hat auch der Literaturfonds selbst Stellung bezogen,
wünscht sich eine sachlichere, weniger auf die Person Nickels bezogene
Debatte und erklärt nochmal, daß das gesamte Kuratorium hinter der
Entscheidung steht. Aufgrund der Angaben der Literaturhäuser zu der
geplanten eigenen Publikation konnte der Literaturfonds seine Erklärung
zusätzlich präzisieren und fordert seinerseits mehr Transparenz.

Aber auch die Gegenseite legt nach: Frau Lovenberg reiht in der FAZ Gemunkel und Gemauschel (aber nix Genaues), das die Integrität Nickels in Frage stellen soll: Nirgends wird bewiesen, aber überall nahegelegt, der Lektor habe sich die eigenen Taschen gefüllt, schreibt Johannes Breckner im Darmstädter Echo. Und laut FAZ weist der Literaturfonds nun zurück, daß die Sonderbeilage überhaupt mit dem Buchpreis verknüpft sei. In der Welt bemüht Elmar Krekeler das Metaphernfeld um Sumpf, Fäulnis und stinkendes Geblubber
– und Herr Nickel stecke da natürlich mittendrin. Welt-Kollege Tilman
Krause hält in seiner Klartext-Kolumne gleich gesellschaftskritisch
dagegen: Kritik
an einigen seiner [Nickels] Projekte sollte sich nicht dem Verdacht
aussetzen, aus jenem Ressentiment gegen Leistung sich zu speisen, das
ohnehin soviel Elan in unserer Gesellschaft torpediert schreibt er, und die nickelkritischen Kritikerkollegen und -kolleginnen hätten sich wohl einfach verrannt
(um Himmels Willen: Schon wieder nähern sich Herrn Krauses und meine
Meinung an – was ist nur mit uns los? Werde ich alt oder Krause
altersmilde?).

Korrupt oder nicht? Hier steht wohl Aussage
gegen Aussage. Blöderweise tendiere ich dazu, eher den Vertretern der
kleinen Literaturzeitschriften zu glauben, die mit ihrem Posten nicht
wirklich ihre Brötchen verdienen können. Die das, was sie tun, mehr aus
Enthusiasmus tun als sonstwas. Mag sein, daß ich da falsch liege und
hoffnungslos idealistisch bin – vielleicht sind die gutbezahlten ja
auch die Guten? Aber warum nur rieche ich deutsch-österreichische
Mißgunst, wenn Frau Lovenberg meint, “daß
eine 300.000 Euro teure, einmalige Sondernummer mit einer Million
Exemplaren die österreichische Literaturzeitschrift „Volltext” mehr
fördert als die deutschsprachige Literatur”? Will man den Austriaken das nicht gönnen? Auch, wenn die wirklich gut sind? Und auch, wenn die ja selbst kein Geld bekommen, sondern sich nur höhere Abbonnentenzahlen versprechen? Fragen, die ich hier mal stelle, ohne die Antwort zu kennen.

Warum
ich das hier alles Länge mal Breite referiert habe? Zum einen der
Vollständigkeit halber. Zum anderen, weil es so schön zusammenpaßt:
Immer dann, wenn mal irgendwer an die Leser denkt, ist der Skandal da.
Irgendjemand steht immer auf und schreit: Populismus! Bäh! Irgendjemand
hebt sofort Frontgräben aus und beginnt, Verteidigungsgemetzel um die
einzig wahre Herangehensweise an Literatur auszufechten, um die “angemessene Lektüre der Welt selbst”.

Ich für meinen Teil wittere da Scharmützel in Ehren ergrauter Eminenzen des Betriebs
um Deutungshoheiten und Meinungsmonopole. Und, ja, auch ums Pöstchen.
Und daß sich ausgerechnet die erklärten Gegner des Erregungsfeuilletons
derart öffentlich erregen, widerspricht ihren Prinzipien und steht
ihnen ähnlich gut zu Gesicht wie Transparency International Deutschland
die undurchsichtige Affäre um die bescheidene persönliche Meinung einer
Bloggerin, die ihr unterm Hintern weggedroht werden sollte. Wie sonst
ließen sich diese vehementen Abgenzungsgefechte erklären?

Wir
alle wissen, daß auch Literaturvermittlerinnen wie Elke Heidenreich,
die nicht unbedingt akademischen Kriterien genügen, ihr Publikum haben.
Man könnte sogar sagen, es gibt eine Nachfrage nach unkomplizierter,
übersichtlicher Präsentation des unübersichtlichen Sortiments. Und es
führt ja auch dazu, daß Leute in großen Mengen Bücher kaufen, die auch
das Hochkultur-Feuilleton einträchtig lobend besprochen hat, siehe
Kehlmann. Da steht man dann als Literaturredakteur staunend vor dem
Verkaufsphänomen und weiß genau, daß es nicht die eigene Rezension im
überregionalen Tageszeitungsfeuilleton war, die das bewirkt hat, es
aber eigentlich hätte sein müssen, man hat ja auch seinen Stolz. Und so
wettert man gegen Weidermann und sein Buch, wettert gegen die
Volltext-Ausgabe zum Buchpreis und wettert letztendlich nur dagegen,
daß Leute aus falschen Gründen die richtigen Bücher kaufen könnten und
man selbst mal wieder nicht involviert war.

Nicht Gunther
Nickel verwechselt Gegenwartsliteratur und Buchmarkt. Mir scheint es
eher so, als verwechselten Kritiker und Programmacher
Literaturvermittlung mit Literaturwissenschaft. Dafür sind nämlich die
Akademiker zuständig, die an den Unis, ihr wißt schon, da kommt ihr ja
alle her. Da wollt ihr vermutlich auch wieder hin, aber jetzt habt ihr
halt diesen blöden Job bei der ZEIT. Lebt damit.

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