Schon wieder »Lichtjahre« entfernt?

Die wichtigste und erste Frage, wenn man einem solchen
Buch gerecht werden will, ist, für wen es denn eigentlich geschrieben sei: Es
kommt dafür wohl nur der im Irr-Garten der Literatur herumtaumelnden Bücherfreund
in Frage.
 
Und der mag auch tatsächlich angetan sein von der Sache:
Weidermanns Stil ist flott und lebt von Hauptsätzen. Sein Urteil ist beinahe
immer deutlich und pointiert – „meinungsstark“ nennt das ein guter Freund von
mir. Es fallen viele, viele Namen, bekannte und auch nicht so bekannte. Und
wenn man durch ist, kann man glauben, nun finde man sich ein bisschen besser
zurecht, habe ein wenig mehr Durchblick, vielleicht sogar hier und dort
Übersicht gewonnen, und läge mit dieser Einschätzung vielleicht nicht einmal so
falsch. Also: Ein gutes Buch!
 


Ein gutes Buch! Ein gutes Buch?


 
Ein gutes Buch? Ich bin mir nicht sicher. Ich liste
einfach mal auf, was mir so aufgefallen ist:
 

Arno Schmidt
– da kenne ich mich aus: Keines der
Lebensdetails stimmt; weder hat Schmidt in englischer Kriegsgefangenschaft über
Feen und Elementargeister geschrieben, noch hat seine Frau in Bargfeld in den
ersten Jahren unter dem Dach gewohnt. Erst als Schmidt wegen seines Herzens die
Treppe nicht mehr steigen sollte, ist sie nach oben, er nach unten gezogen.
Kleinlich? Na gut!
 
Heimito von Doderer – wir erfahren ein paar Titel, einige
Inhaltsangaben, die nicht unbedingt von einer eigenständigen Lektüre zeugen, und
dann den einen weltberühmten, ganz arg lustigen und furchtbar dummen Ausspruch Hans Weigels über Doderer. Zum Ausgleich schreibt Weidermann 4½ Seiten über Max
Frisch
, der nun wirklich beinahe jedem Leser ganz früh in die Finger fällt, und
beinahe 5 über Friedrich Dürrenmatt; aber dabei sehr treffsicher im Urteil.
 

Was ist drin, was fehlt?

 
Schauen wir mal weiter: Robert Walser ist drin und wird
sehr gelobt – das ist gut! Dafür fehlen Paul Wühr und Peter Bichsel gänzlich –
das ist schlecht! Über Thomas Bernhard gibt es mehr als 10 Seiten – das ist
sehr gut! Über Peter Handke beinahe 8 – das ist schlecht! Jens, Kunze und
Kunert fehlen – das ist gut! Aber auch Libuše Moníková,
Raoul Schrott
und Marcus Braun fehlen – das ist ganz schlecht!
Dafür ist der Schulbuch-Autor Plenzdorf drin – na ja, muss wohl, ist aber
trotzdem schlecht!
 
So könnte ich
seitenlang weitermachen! Sicherlich ist das subjektiv, aber Weidermann läuft mir
zu selten ein Risiko, bleibt zu oft auf den Hauptwegen der Literatur hängen,
nimmt zu selten die Seitenwege und Sackgassen mit, die oft viel spannender,
intimer und schöner sind. Guten Gewissens mag ich diesen Wegweiser durch den
Irr-Garten der Literatur daher am Ende doch nicht empfehlen.
 
Volker Weidermann: »Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen
Literatur von 1945 bis heute«
. Kiepenheuer & Witsch, 2006. 19,90 €.

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