Schön schäbig

New York, Ende der 80iger, Anfanger der 90iger Jahre : Marc will Filme drehen, Mimi, die Striptänzerin, liebt den Songwriter Roger, die Lesbe Maureen liebt die ordentliche Anwältin Joanne, nachdem sie mit Marc Schluß gemacht hat, und der freundliche Collins liebt den schwulen Transvestiten Angel: Zusammen eine junge, bunte und vor allem arme Gruppe brotloser Künstler, die gerade lernen, mit Aids umzugehen und die die Miete – Rent – im gerade teuer werdenden East Village nicht zahlen können oder wollen.

Genau dort wurde das Musical geboren, und kletterte seit der Premiere 1996 schnell vom „New York Theatre Workshop“ zum Broadway hoch. Die Bohème aus ’struggling artists‘ zwischen der Angst vor AIDS, Drogen, miesen Jobs, dem Wunsch nach kreativer Entfaltung und Bisexualität traf den Tonfall der Stadt und der Generation, die nichts gegen Geld hat, sich aber nicht für und mit Schwachsinn verkaufen will (Welcome in New York!). Der Erfolg der Bühnenversion also lag in der Authentizität dieser Charaktere zwischen Tür und Angel. Dass die Show zunächst von ebensolchen angehenden Talenten auf die Beine gebracht wurde, gab dem ganzen erst Recht den richtigen Kick: Ein Erfolg auf ganzer Linie, den der Autor und Komponist, Jonathan Larson, leider nicht mehr erlebte, er starb kurz nach den letzten Proben.

Zehn Jahre später nun also die Filmversion. Die ’struggling artists‘ sehen in ihrer Armut nun beneidenswert prächtig aus. Über allem liegt der polierte Glanz aus Professionnalität: Die Darsteller sind so talentiert und schön, daß man sich bis zum Schluß kaum vorstellen kann, sie könnten in New York jemals Probleme haben. „Mimi“ zum Beispiel, die verzweifelte Drogenabhängige, ist nicht mehr die kantige Darstellerin Daphne Rubin-Vega, sondern Rosario Dawson, eine Art spanische Mischung aus Hilary Swank und Angelina Jolie. Und New York ist im Licht von Harry-Potter Regisseur Chris Columbus selbst im Dreck so magisch-schön, daß man den Charakteren ihr Leid kaum abkaufen möchte. Natürlich hilft dabei auch nicht, daß die Second-Hand-Klamotten und zerissenen Jeans, die sie alle aus Notwendigkeit tragen, inzwischen im gleichen Stil von Armani & CO verkauft werden. Auch um ihre schäbigen East-Village Lofts würden sie heute von jedem Yuppie beneidet werden.

Unser Blickwinkel hat sich eben nur zehn Jahre später schnell verändert. Das schafft Distanz. Wer sich auf diesen professionnellen Look einläßt, wer Musicals und New York liebt, kommt auf seine Kosten. Doch der Glanz killt den rauhen Charme des eigentlichen Dramas. Harry Potter gewinnt.

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