Schmeiß die Buchmaschine an

„Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art des Lesens.“ Ein Jahrhundertsatz! Seiner fortwährenden Aktualität wegen. Der Philosoph Deleuze und der Psychoanalytiker Guattari schrieben ihn in ihre Einführung zum zweiten Band von „Kapitalismus und Schizophrenie“. Dessen Ziel war es, die Existenz schizophrener Wunschmaschinen gegen eine materialistische Psychiatrie zu verteidigen. „Rhizom“, wie der kleine, erstmals 1976 in den Edition de Minuit erschienene Text betitelt ist, propagiert nicht weniger als eine neue Art des Denken und Handelns, die im weiteren auf das Problem der Psychoanalyse und auch auf das Buch selbst und den Vorgang des Schreibens angewandt wird: „Wir hatten das alles satt.“

Gegen einen „lieben Gott der geologischen Bewegungen“, das Subjekt als Urheber des Textes, setzen Deleuze/Guattari die „Arbeit der Materialien“. Ein Buch verstanden als Bild der Welt? Lachhaft! Und wenn es sprachlich noch so exaltiert auftritt. Es bleibt das „Wurzelbuch“, büschelig vielleicht. Das Aufbrechen der Linearität, so lautet der Vorwurf an die sogenannte literarische Moderne (Joyce, Nietzsche!), geschieht bloß, um die Einheit in zyklischer Form (die ewige Wiederkehr bei Nietzsche) wiederherzustellen. Dagegen wird echte Vielgestalt erst durch Abzug des Einzelnen (n-1), Rhizom: „Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden.“ Für die Produktion heißt das: Es gibt keinen Tod des Autors, sondern eine neue Art des Schreibens: „Als Rhizom oder Vielheit verweisen die Fäden der Marionette nicht auf den angeblich einheitlichen Willen eines Künstlers oder Marionettenspielers, sondern auf die Vielheit seiner Nervenfasern. Diese bilden nämlich in anderen Dimensionen, die mit den Fäden der Marionette verknüpft sind, selbst eine Marionette.“ Und: „Das Rhizom geht durch Wandlung, Ausdehnung, Eroberung, Fang und Stich vor … (es bezieht sich) auf eine Karte mit vielen Ein- und Ausgängen; man muß sie produzieren und konstruieren, immer aber auch demontieren, anschließen, umkehren und verändern können … Das Rhizom (ist) allein durch die Zirkulation der Zustände definiert.“ Entsprechend lautet die Leseanweisung: Im rhizomorphen Text, im Buch als Teil eines Rhizoms gibt es „nichts zu interpretieren und zu bedeuten , aber viel, womit man experimentieren kann.“

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