Reißt was auf: Jan Faktors Roman Schornstein

Der Döblin-Preis ist verdient, das Buch ungewöhnlich, leidenschaftlich, nicht leichtfertig. Faktor, langjähriger Gestalter der Ostberliner alternativen Literaturszene, ist ein Autor im Sinn von Genets Seiltänzer-Text. Nicht jeder, der ein Buch schreibt, ist das. Beinhart ist die Geschichte vom jüdischen Werbetexter Schornstein, den eine seltene Stoffwechselkrankheit langsam in seine Bestandteile zerlegt und der sich in einen grotesken Kleinkrieg mit dem Gesundheitswesen verstrickt. Kaputte und Kranke stehn am Weg, Irrationales, Derb-Komisches und immer wieder der Riese Liebe, der das alles überhaupt erträglich macht. Der Text ist spröde, innen wie außen, doch eine Wohltat für jeden, der wieder mal erfahren will, was es heißt, sich auszusetzen – als Autor, als Leser. Dass Geschriebenes etwas aufreißen kann, das dann hässlich aussieht und wehtut. Wie wenn der Held nach einer irrwitzigen Blutwäsche-Szene, in der ihn unfähige Ärzte und Schwestern fast zu Tode punktieren, wie ein angestochenes Vieh buchstäblich auszulaufen droht. Vielleicht muss man das Buch nicht bei Tisch lesen. Die vielen Körperflüssigkeitsorgien sind deshalb so drastisch, weil sie nichts wollen als die Umstände beschreiben, unter denen sich das alles hier abspielt. Der Literatur aber gewinnt Faktor so bereits verloren geglaubtes Terrain zurück. Indem er die Ränder zeigt, verschafft er dem Ganzen einen schärfern Kontur. Hinter der Faszination für die kaputten Gestalten vor den Discountern und in ihren zugemüllten Erdgeschosswohnungen, der sich der selbst vor die Hunde gehende Held nicht entziehen kann, steckt die Frage: Wie konnte das bloß passieren? Schornsteins Privileg und seine Rettung sind sein Erkenntniswille und die unerschütterliche Liebe seiner Frau. So wenig, so viel.

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