ProSieben geht baden

Kann eine Programm-Präsentation, die mit drei halbnackten Models und der Vorführung von Bademoden beginnt, ein gutes Ende nehmen? Möglicherweise. Im Fall von ProSieben wird es aber eher schwierig, mit der lockeren „We love to entertain you“-Attitüde die angepeilten Quoten- und Qualitätsziele zu erreichen.

ProSieben-Chef Andreas Bartl, seit Ende 2005 an der Spitze des Senders, steht harte Arbeit bevor. ProSieben müsse seine Kernkompetenzen stärken und das Profil schärfen, kündigte Bartl das neue Programm der Saison 2006/2007 an. So etwas sagt man, wenn der Laden nicht läuft – die Quoten erreichen im Monatsschnitt nur selten die vorgegebenen 12 Prozent – und der Weg zum Erfolg ein Weg zurück zu den Anfängen ist.

Der Weg zurück ist die Rückbesinnung auf Hollywood. Im neuen ProSieben-Programm finden sich nur vereinzelt Fiction-Formate aus deutscher Produktion. Damit hatte man zuletzt („Lotta in Love“) Schiffbruch erlitten. Stattdessen setzt der Sender massiv auf Spielfilme aus US-Produktion, die mittwochs und sonntags gezeigt werden. Mit Blockbustern wie „Findet Nemo„, „Harry Potter und die Kammer des Schreckens„, „Spider-Man 2„, „Kill Bill“ oder „Fluch der Karibik“ hat ProSieben ein im deutschen Fernsehen  konkurrenzlos gutes und teures Spielfilm-Angebot.

Auch im Serienbereich gibt es fast ausschließlich US-Ware: Am Montag ist Mystery-Tag mit neuen Folgen von „Lost“ (ab Herbst) und den neuen Serien „Invasion“ und „Supernatural“. Neben der zweiten Staffel von „Desperate Housewifes“ (ab Herbst) gibt es am „Frauen-Dienstag“ u.a. die mit dem Golden Globe ausgezeichnete Serie „Weeds„: Mary-Louise Parker sucht als allein erziehende Mutter einen Ausweg aus ihrer Finanzkrise im Handel mit Marihuana.

Einen Ausweg aus der Quotenkrise hat ProSieben in der „Märchenstunde“ gefunden. Die durchgedrehten Parodien mit Promi-Besetzung erreichten im Frühjahr einen Marktanteil von über 23 Prozent – Fortsetzung also unvermeidlich. Im Herbst geht es mit vier neuen Folgen weiter, u.a. dürfen wir Christian Ulmen als „Hans im Glück“ bewundern. Mit Kino– und Comedystar Ulmen legt ProSieben auch das innovativste Projekt der kommenden Saison auf. In „Mr. Soft“ hält Christian Ulmen als Psychologe eine ganze Polizeitruppe auf Trab. Die sechsteilige Krimi-Comedy beschreibt ProSieben-Chef Bartl salopp als Mischung aus „Stromberg“ und „Columbo“, den Piloten drehte Leander Haußmann.

Die Show-Abteilung des Entertainment-Kanals wird von drei bekannten Marken-Namen beherrscht: Stefan Raab, Heidi Klum und den „Popstars“. Raab fügt seiner „TV total“-Sportparade mit dem „Prominenten Parallel Ski Slalom“ eine weitere Disziplin hinzu (Winter 2006) und veranstaltet wieder eine Wok-WM sowie ein Stock-Car-Rennen. Heidi Klum sucht im Frühjahr wieder „Germany’s next Topmodel„, natürlich wieder mit Heulsuse Bruce Darnell. Und bereits ab August suchen die Juroren Nina Hagen, Detlef D! Soost und Dieter Falk die „New Angels“ in der Casting-Show „Popstars„.

„ProSieben ist neu, unverwechselbar, innovativ“ – formuliert der Sender den eigenen Anspruch, und diesem Anspruch wird das ProSieben-Programm der Saison 2006/2007 nicht gerecht. Was ist neu an Jürgen von der Lippe („Extreme Activity„, ab 15.7.), Kati Witt („Skating with Celebrities„)  oder Nina Hagen? Wie kann man unverwechselbar sein, wenn man das Programm zu großen Teilen einkauft, statt es selbst zu produzieren? Können Fortsetzungen innovativ sein? Fragen, deren Beantwortung so lange keine Rolle spielen, so lange die Quoten stimmen. Ansonsten geht nicht nur der eine oder andere Anspruch demnächst baden.

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