Marie Antoinette

Marie-Antoinette ist 14, als sie 1770 von Wien nach Versailles gebracht und mit dem späteren Louis XVI verheiratet wird. Sie verbringt ihre Zeit dort, bis die Revolution dem höfischen Treiben ein Ende bereitet. Laut Stefan Zweig eine Frau „von mittlerem Charakter, eine eigentlich gewöhnliche Frau, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich töricht, nicht Feuer und nicht Eis, ohne besondere Kraft zum Guten und ohne besonderen Willen zum Bösen, die Durchschnittsfrau von gestern, heute und morgen, ohne Neigung zum Dämonischen, ohne Willen zum Heroischen und scheinbar kaum Gegenstand einer Tragödie.“ … „Ohne den Einbruch der Revolution in ihre heiter unbefangene Spielwelt hätte diese an sich unbedeutende Habsburgerin gelassen weitergelebt wie hundert Millionen Frauen aller Zeiten.“

„Ich empfinde Empathie mit meinen Charakteren“ sagt Sofia Coppola in „Le Monde“, und meint zur Frage, warum denn der Film bei solch einem Thema die Politik nur am Rande streift, dass die Königin „sich ja auch nicht viel um Politik scherte, sondern sich amüsieren wollte.“ Na gut. Heraus kommt eine Art amerikanischer Sissi-Film im französischen Outfit, der das ebenso banale wie aufgeblasene Dasein des österreichischen Mädels in Versailles ähnlich aufbläht wie die „Bravo“ ihre Foto-Lovestories: Wie kriege ich meinen Mann ins Bett, wo er sich doch nur für die Jagd und die Schlosserei interessiert ? Wann kriege ich meinen Hund Mops wieder ? Wie faszinierend all meine Kleider sind – ob die für den Maskenball taugen ? Kann ich Eichen im Garten haben (und bis wann) ? Ist der schöne Graf von Festen ins Bett zu kriegen ? Könnte ich mein eigenes kleines Schlösschen in Versailles haben, mit Garten ? Wie eingeengt ich mich doch in meinem Paradies fühle !

Historisch gesehen sind diese Problemchen wohl sogar authentisch, wenn man bedenkt, mit welcher Verschwendungssucht „Madame Déficit“ hauste, welche Trantüte ihr Partner anscheinend abgab und aus welchem unbedingten Zeremoniell die Dame ihren Ausweg suchte. In Sofia Coppola’s Märchenfilm aber wechseln sich detailgetreue Authentizität mit groben Stilbrüchen derart häufig ab, dass es wehtut (nun ja, wenn man darauf wert legt). Besonders dann, wenn der Adel zu Rockmusik tanzt oder die Fashionshow der schönsten Schuhe angesagt ist – gerade in einem Augenblick, in dem der Film mal eine emotionale Spannung aufbaut. Hier haut die Musik von The Cure oder The New Order ähnlich rein wie ein Margarine-Spot im spannensten Augenblick eines Hitchcock-Films. Dass sich Kristin Dunst durch diese Welt aalt wie ein lässig-cleverer Cheerleader auf Parties, hilft jungen Teenie-Girls vielleicht, sich mit ihr zu identifizieren, es passt aber kaum zu der mittelprächtigen, etwas naiven Gestalt der letzten Königin im Absolutismus.

Wohlwollende Journalisten (vor allem die, die darauf hinweisen, dass sie die einzigen sind, die bei den Dreharbeiten dabei sein durften) nennen das, wie Sofia Coppola es verstanden haben möchte, „eine Geschichte um Adoleszenz – um eine junge Frau, die ihren Weg macht“, andere haben den Film bei seiner Premiere in Cannes schlichtweg ausgebuht.

Nun, nach so viel Versailles, nach soviel Attitude, da weiß man, was gut und richtig ist ! Daher sage ich : Die Coppola mal nicht überbewerten ! Auch vom Vater wissen wir inzwischen, dass er seinen ersten Paten nicht mal selbst geschnitten hat. Wer schöne Bilder aus Versailles sehen will- bitte ! Und der Jason Schwartzman, naja, ist ja der Neffe von Francis Ford, aber er soll das Schauspielen mal besser sein lassen, was für eine Inzucht all das, widerlich, mon dieu ! Etwas mehr Dreck und Gestank an den Adeligen würde auch gut tun, das wäre wohl authentischer als der Champagner, der in Versailles übrigens auch nie floss. Außerdem hätte ich gerne Köpfe unter der Guillotine wegrollen sehen, voilà, aber das ist schon zu politisch für diesen Film. Ich hätte allerdings auch gerne so pompöse Klamotten…

4 Meinungen

  1. Also doch lieber die Rezeption des literarischen Meisterwerkes von Stefan Zweig, dessen andere Biografien übrigens auch SEHR zu empfehlen sind.

  2. Sofia Coppola heißt die Gute – soviel Zeit muß sein.

  3. Jochen Wilhelm

    Stimmt. Hab’s verbessert. Bin wohl schon zu „frenchised“ und passe Namen falsch an…. womöglich, weil hier in Frankreich Sofia oft wie „Sophieeee(a)“ ausgesprochen wird.

  4. Würde denken, dass mal ein neuer Versuch gewagt worden ist. Man sollte nicht alles schlecht machen, nur weil es nicht in alten Bahnen daher kommt. Und wenn man sich die Geschichte dieser Frau wirklich betrachten will, würden ohnehin keine 123 Minuten ausreichen – zumal dies, gerade für heutige Zeiten, schon beträchtlich viel ist.Wenn man die Gefühle von damals mit den Mitteln von damals ausdrücken würde wollen, würde dies wohl in die Hose gehen. Denn wer könnte dies ernsthaft nachfühlen – nachvollziehen ja. Aber das ist dann eine Sache für Historiker und historisch Interessierte.

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