Lesen hilft. Fast immer.

Ja, jetzt bin ich also drin in der Pop-Event-Verflachungsfalle. Mitgefangen, mitgehangen.

Die Betriebskantine, eine Art Blog, das als Alleinstellungsmerkmal einen innovativen Umgang mit Interpunktionen aufzuweisen hat, konfrontiert mich mit Leseproben aus Weidermanns Buch und fragt frech, ob ich mich durch die aktuelle buchrezensionierung gar ueberfordert fühlte. Ich warnte den Verfasser vor derlei Kurzschlüssen, und er darauf: “unsere frage. ob sie die aktuelle buchrezensionierung ueberfordern wuerde. zielte nicht auf den grad ihrer vernunftbegabtheit (die koennen und wollen wir nicht einschaetzen). sondern auf das mass. das angeblich voll sei. endlich eine andere. einfachere und zugaenglichere rezensionierung von buechern zu erhalten. weil das a. nicht zu verhindern sei und b. weil a. oder auch sowieso besser. weil wir alle genug haben von der herkoemmlichen fracht im feuilleton.”

Ach, das Maß ist voll? Ich kann mich nicht erinnern, das geschrieben zu haben. Was Leute so vor sich hinprojizieren, wenn der Tag lang ist, ist erstaunlich. Ich wehre mich nur gegen das Vorurteil, kompliziert geschriebene, analytische Literaturkritik sei per se grundsätzlich besser. Das ist sie eben nicht, man kann mit beiden Methoden gegen den Baum fahren.

In die gleiche Kerbe haut auch ein Blog mit dem schicken Namen Kulturnation.de, da weiß man gleich, wo der Hammer hängt. Alleinstellungsmerkmal ist hier formale Spielerei mit Doppelpunkten mitten im Wort. Wenn ich Weidermanns Unternehmen sympathisch finde, dann wird von ihr eine antiintellektuelle Haltung an den Tag gelegt, die seit längerem common sense sein dürfte (wobei “sense” in diesem Falle vermutlich das falsche Wort ist). Außerdem “denunziere” ich Winkels Schwurbel (das hat nix mit Denunziation zu tun, Schwurbel kann man ruhig auch mal Schwurbel nennen), und “Verführung” (das Wort stammt übrigens vom Greiner, der ist auf Eurer Seite, wollt ich nur mal festgehalten haben) ist auch böse: Wir wollen doch alle verführt werden. Feuilleton als “Boulevardkultur”, wie Winkels es nennt. Hauptsache, wir Lesen! Irgendwas. Das Aufzeigen, Nachverfolgen, Sichtbarmachen von Zusammenhängen oder Traditionslinien stört da eher. Beim Verführtwerden. Beim “Einfach-mal-gut-finden”. Du. Dann doch lieber noch schnell bei der Lesung fragen, ob der Autor auch so gern Kaffee Latte trinkt wie sein Held.

Toll ist auch das Spaßverbot: Wer meint, einfach mal unbeschwert abloben zu dürfen, ist bei der Kulturnation ganz falsch, denn Spaß und Lob spielen sich grundsätzlich nur in niederen Niveauregionen ab. Und das zieht natürlich gleich alle runter, davon sind auch die affektiert, die mit Niveau keinen Spaß haben. Daß negative Kritiken deutlich leichter zu schreiben sind als positive, daß Verrisse leichter fallen als Hymnen, das hat dort vermutlich noch niemand bemerkt.

Soweit also die Kritiker in ihren anti-antiintellektuellen Reflexen. Völlig unterschlagen wird hier vor allem, daß ich nirgendwo, wirklich nirgendwo gefordert habe, alle Literaturkritik habe sich einem solchen Nie:wo anzupassen. Ganz im Gegenteil meinte ich, daß man das nur machen kann, “wenn man dabei im Blick behält, daß das natürlich nicht der Weisheit letzter Schluß und der Epoche tiefstmögliche Erforschung ist. Wenn man also weiß, das es dabei nicht bleiben kann.”

Daraus wird dann: Flachsinn, leicht konsumierbar, jede vermeintliche Anstrengung vermeidend, damit der Dümmste uns noch versteht und das hat mit literaturvermittlung. wie wir sie noch minimal einfordern wuerden. nichts mehr zu tun.

Ich meine: seht ihr den Unterschied? Ich erlaube, ihr verbietet. Dann schreit ihr rum, daß ich Euch Euer Niveau verbieten würde, was ich ja gar nicht tue, ich erlaube nur Weidermann zu tun, was er meint, tun zu müssen. Und Euch natürlich auch. Soll doch jeder auf seinem Niveau glücklich werden.

So, und nun zu Weidermann und seiner Leseprobe. Wenn ich mir das so anklicke, und wenn das wirklich die ganze Zeit so weitergeht, dann ist das kein Buch, das ich lesen möchte. Nicht, weil mir der Inhalt zu flach ist und die Methodik zu unwissenschaftlich, sondern aus einem völlig anderen Grund: Dieser Stil ist ja miserabel! Ja, ist das den ganzen Winkels und Greiners und Hartwigs – ja, auch den Krauses – eigentlich nicht aufgefallen? Was lesen die denn den ganzen Tag, wenn die einen derart miesen Stil nicht als solchen erkennen und bemängeln?

Ein solches Buch hat es danach nicht wieder gegeben. Ein solches Buch wird es nie mehr geben. Es ist ein Finale. Ein Schlusspunkt. Das wusste auch Thomas Mann. Er hatte lange gezögert, den Faustus zu beginnen. Fast ein Leben lang hatte er ihn geplant. Und ein Leben lang wusste er: Das würde sein letztes Buch sein. Sein Parsifal. Es hätte ihn fast umgebracht.

Das schreibt Weidermann über Thomas Mann und seinen Dr. Faustus – und das hätte auch Kai Diekmann nicht besser in Stakkatosätze gießen können. Das Aufzeigen von Zusammenhängen und Traditionslinien, wie kulturnation.de fordert, wird dabei sicherlich geleistet, dieser Vorwurf geht meines Erachtens an der Sache vorbei. (Natürlich wird es nicht auf akademischen Level geleistet, aber das ist bei solchen populären Werken ja nie der Fall.) Was aber nicht geleistet wird, das ist, diese Traditionslinien und Biographien in eine lesbare Sprache zu bringen, die zumindest ansatzweise die postulierte Leidenschaft ahnen läßt.

Ist denn der Vorsatz, eine gut lesbare Literaturgeschichte in Geschichten zu schrieben, so verwerflich? Muß man da wirklich aufstehen und “Eventkultur! Bäh!” brüllen?

Nö, muß man nicht. Man muß aber aufstehen und sagen: “Lieber Herr Weidermann, ihr Vorsatz in allen Ehren, aber ich denke, es ist der hiesigen Nation zuzumuten, auch mal den ein oder anderen Nebensatz zu konsumieren. Zumal Sie sie ja dazu bringen wollen, ziemlich nebensatzlastige Bücher zu lesen. Besser, sie bereiten ihre Schäfchen gleich mal darauf vor. Ach ja, nochwas: Was glauben sie, warum die “Sendung mit der Maus” auch so viele Erwachsene gern gucken? Weil sie liebevoll gemacht ist, einen unverwechselbaren Erzählstil hat und man immer was dabei lernt. Diese Sendung ist ein großartiges Beispiel dafür, daß man den Dummen abholen kann, ohne den Schlauen zu langweilen. Nächstes Mal, wenn Sie wieder ein Buch schreiben, gucken die vorher die Maus, anstatt die BILD zu lesen, das verdirbt Ihnen nur die Schreibe und man wird nicht klüger davon.”

O je, jetzt hab ich wieder was gesagt.

Demnächst in den einschlägigen Blogs: “Diener fordert Sendung mit der Maus für Literatur”. Oder: Mal gespannt, wie sehr die Literaturversteher mich noch mißverstehen können.

Kommentare: lies auch hier

2 Meinungen

  1. Das Buch nicht gelesen zu haben, ist eigentlich schön subversiv. Einziger Sinn solcher Debatten ist ja die Bewerbung unspannender Bücher und vergessener Autoren. Maxim Biller darf seinen Zeigefinger ins Bild strecken und bisschen rumpöbeln und sogar ein Langweiler wie Winkels fängt ein paar Leser (was dann auch gleich wieder kommentiert wird) Sind denn alle gekauft?

  2. „Sind denn alle gekauft?“
    –> nicht alle aber wohl doch die meisten 😉

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