Lemming

Alain Getty (Laurent Lucas) ist ein begabter, junger Wissenschaftler. Gerade erst mit seiner Frau Bénédicte (Charlotte Gainsbourg) in ein neues Haus eingezogen, laufen die Dinge wie im Bilderbuch. Noch dazu ist sein Chef Richard (André Dussolier) von ihm angetan, und so steht einem netten Abendessen mit dessen Gattin (Charlotte Rampling) nichts im Weg. Doch der Graben zwischen den älteren Eheleuten ist tief. Wo Richard noch versucht, die giftigen Anschuldigungen seiner Frau formell-souverän zu beschwichtigen, kippt ihm Alice bereits ein Glas Rotwein ins Gesicht. Bald darauf findet Alain ein merkwürdiges, scheinbar totes Tier, einen Lemming, im Abflussrohr, und spätestens von nun an ist das Bilderbuchleben vorbei. Alice drängt sich weiter auf, versucht Alain zu verführen und Bénédicte aus der Bahn zu werfen. Doch dann setzt sie mit einem Selbstmord im Gästezimmer des jungen Paares einen ersten Schlusspunkt. Alain kommt bald darüber hinweg, doch Bénédict durchwandelt eine unabsehbare Veränderung…

“Lemming“ beginnt interessant, da der Film schnell und mit wenigen aber originellen Szenen ein Beziehungsgeflecht zwischen einer Handvoll Personen entwirft, das im Handumdrehen zu Spekulationen einlädt. Wer sich hier mit wem wie verheddern könnte macht den Reiz der ersten dreißig Minuten aus. Das ist umso gelungener, da es sich doch um sehr durchschnittliche, eher langweilige Alltagsmenschen handelt: Informatiker mit (Haus-)Frau, sein Chef und dessen Frau. Ein toller Anfang.
Schade, dass diese kluge Inszenierung sorgfältig angeordneter Momente und Dialoge nicht beibehalten wird. Ist Charlotte Rampling tot, verschwindet mit ihr der beste und bissigste, aber auch verletzlichste Charakter des Films. Zwar schwebt der halbtote Lemming bedeutungsschwanger über dem zunehmend surrealen Geschehen, und wer will und gutmütig ist, kann weiter rätseln und deuten. Doch je mehr die Szenen was besonders sein wollen, umso gewollter kommen sie herüber, und umso weniger möchte man ihnen folgen.

Die Filmbranche hat es an sich und, wie’s scheint, nötig, junge Regisseure schnell mit Meistern zu vergleichen; begabte Talente wie François Ozon oder auch Dominik Moll sind im Nu der nächste Truffaut, Hitchcock oder Lynch. Aber – sachte. Hitchcock und Lynch sind zwar ganz offensichtlich Moll’s Vorbilder, doch wenn es ihm mit „Harry meint es gut mir dir“ noch gelang, Spannung aufzubauen und vor allem auch durchzuhalten, baut „Lemming“ nach einer halben Stunde drastisch ab und verliert sich in Phantasieeinlagen, die Lynch sein wollen, die aber bei weitem nicht an die Einheitlichkeit von Werken wie „Blue Velvet“ oder „Mullholland Drive“ heranreichen.

Schreiben Sie Ihre Meinung

Ihre Email-Adresse wird Mehrere Felder wurden markiert *

*

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.