Kettcar ? Das erste und letzte Liebeslied

Mit Marcus Wiebusch sprach Dörte Brilling am 13. März 2006
im Grand Hotel van Cleef, Hamburg.

But Alive

Deine alte Band But Alive lebt nicht mehr!

Nein, schon seit 1999 nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei.
2001 habe ich zusammen mit Reimer
Bustorff
die Band Kettcar gegründet. Wir haben seitdem zwei Alben herausgebracht.
Das erste hieß: du und wie viel von
deinen Freunden
und das zweite: von
Spatzen und Tauben, Dächern und Händen
.

Warum Kettcar? Warum
geht mit der alten Band nicht mehr das, was mit der neuen geht?

Wir haben noch 1999 ein Album mit But Alive gemacht, das ist
noch nicht mal mehr betourt worden. Im Nachhinein kann ich sagen, dass dieses
Album seiner Zeit weit voraus und ein Vorläufer von Kettcar war. Sehr viele
Elemente dieses Albums tauchen bei Kettcar wieder auf. Dennoch war es das
letzte Album von But Alive. Die Leute in der Band, ja, so muss man das jetzt
einfach mal sagen, wollten mir einfach nicht mehr folgen. Und als das Album
dann betourt werden sollte, stand man unmittelbar vor der Entscheidung. Ich
verstehe das auch, wenn man auf Tour geht und die Fans zahlen zehn, zwölf Euro
Eintritt, dann wollen sollen sie auch die alten Songs hören, aber ich wollte
die nicht mehr spielen. Das führte zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb der
Band. Und dann muss man sich eben trennen.


Kettcar
Was unterscheidet But
Alive und Kettcar am meisten?

Wenn man sich die Musik anschaut, dann ist das letzte Album
von But Alive nicht unbedingt so anders wie das erste von Kettcar. Aber die
Texte sind irgendwie …

Gefälliger, oder?

Na ja, das Wort „gefälliger“ impliziert immer, dass man
gefallen will. Aber darum geht es nicht. Es scheint irgendetwas zu geben, was
die Texte erfolgreicher macht, ohne dass sie jedem gefallen wollen.
Es ist interessant, dass wir anfangs keine Plattenfirma
gefunden haben. Die Musik, von der wir mittlerweile alle leben, wir haben
bislang mit zwei Alben 100.000 Platten verkauft, die wollte anfangs keiner raus
bringen. Die haben sich nur gefragt, was ist denn das hier, deutsche Texte, die
Befindlichkeiten beschreiben, die sagen, wie es ist, wenn man älter wird, wenn
man verzweifelt ist, wenn man Freunde verliert, wenn man Liebe verliert, wenn
man Ängste hat, und gerade, wohl gemerkt gerade als Musiker, das ist ja ein
sehr jugendlicher Weg, auf dem es sehr viele Ängste und Zweifel gibt …

Eure Texte, die zu 80 Prozent von dir stammen, erzählen
nie eine richtige Geschichte, sondern skizzieren immer nur eine Stimmung. Was
mich wundert ist, dass die meisten Leute anscheinend damit was anfangen können.
Alles wird nur angerissen, Zeile, Stopp, anderer Gedanke, weiter … wie eine
galoppierende Phantasie …

Ja, diese so genannte Technik hat auch einen Namen: stream of
consciousness
. Die habe ich nicht erfunden, ich eifre ihr
nur nach. Da gibt es Könige! Zum Beispiel Michael
Stipe
mit Night Swimming von R.E.M. Für mich einer der besten Texte
der Welt. Faszinierend, wie er Bilder entwickelt, zerfallen lässt, wieder
andere beschwört, wieder zerstört und am Ende gibt das so ein tief romantisches
Bild, das nichts weiter beschreibt als zwei Menschen, die nachts baden.


Grand Hotel van Cleef
Gab es  Krisen, die Kettcar meistern musste?

Ja, klar, zum Beispiel, dass keiner unsere Platten verlegt
hat. Dann haben wir mit Thees Uhlmann
von Tomte das Label Grand Hotel van Cleef gegründet und
haben uns selbst raus gebracht. Thees hatte ähnliche Erfahrungen gemacht mit
Plattenfirmen wie wir. 2002 hatte die Musikindustrie die absolute Talsohle
erreicht. Jetzt hat sie sich immerhin auf niedrigem Niveau stabilisiert. Keiner
wollte damals ein Risiko eingehen. Wir bekamen damals ganz komische Verträge
vorgelegt und haben ganz deprimierende Gespräche geführt. Wir konnten es nicht
fassen. Mann, das sind doch gute Songs. Verdammt noch mal, das kann doch nicht
sein, dass die Leute das nicht hören wollen. Außerdem hat man uns klipp und
klar gesagt, ihr macht zwar junge Musik, aber ihr seid zu alt. Das waren Typen,
die waren jünger als wir. Da haben wir all unseren Mut zusammen genommen und
haben unsere eigene Plattenfirma gegründet.

Ja, da haben die halt
einen Trend verpasst.

Ja. 2002 gab es auch noch nicht so viele Bands, die mit
deutschen Texten antraten. Es gab die alt eingesessenen Hamburger Bands, es gab
ein paar nationale Lichter … Kettcar war eine der ersten Bands, die deutsche
Songs machte. Heute gibt es eine Schwemme deutscher Musik.
Acht von zehn Band lösen sich auf. Von diesen Bands erfährt
nie jemand etwas. Aber wir wissen das ganz genau, es gibt sie, wir bekommen
unfassbar viele Demos. Da steckt so viel Herzblut, so viel Arbeit drin, von
einigen dieser Bands erfährst du in einem Jahr nichts mehr. Die geben alles, um
einen Plattenvertrag zu kriegen, gehen zu den großen Firmen, bekommen keinen
und lösen sich auf. Bei der Stange zu bleiben, ist auch nicht jedermann Sache …

Habt ihr auch andere
Bands unter Vertrag, außer Tomte und Kettcar?

Ja, natürlich. Als wir Grand Hotel van Cleef gründeten, war
klar, dass wir auch anderen Künstlern eine Plattform bieten wollen. Da draußen schwirren
noch ganz viele von diesen Bands herum, und es gibt auch noch Leute, die Musik
kaufen und solche Musik hören wollen.
Wir haben zum Teil amerikanische Bands lizenziert, wir haben
Unsere Liebe ist ein Aufstand mit Bernd Begemann gemacht, wir haben Home of the lame, ein deutscher
Songwriter, der lange Zeit in Schweden gelebt hat, herausgebracht, Olli Schulz & der Hund Marie, Maritime, Hansen Band, ein Projekt mit Tomte und Kettcar-Mitgliedern und
Jürgen Vogel am Gesang … Also, wir sind nicht festgelegt auf
deutschsprachige Musik, sondern auf die, von der wir glauben, dass sie eine
Plattform braucht.

Könnt ihr von eurer
Musik und dem Label leben?

Ja, doch. Ich könnte schon allein von Kettcar leben, das
Grand Hotel ist ein Zubrot. Aber die anderen Bandmitglieder, bis auf Reimer,
machen ja ausschließlich Musik und müssen auch irgendwie über die Runden
kommen. Der Vertrag zwischen Kettcar und Grand Hotel ist ein sehr
musikerfreundlicher Vertrag, den setzen wir aber mit all unseren Künstlern auf.
Wir behandeln unsere Musiker so, wie wir auch selbst gerne behandelt werden
würden. Wir zahlen allerdings keine horrenden Vorschüsse an die Künstler, diese
Methode großer Plattenfirmen finden wir nicht mehr zeitgemäß.
Am Ende richtet sich das Davon-Leben-Können aber danach, ob
du Platten verkaufst oder nicht. Wenn du Platten verkaufst, dann kannst du ganz
gut davon leben.

Nochmal zurück zu Kettcar
Bleibt neben Grand
Hotel noch Zeit zum Musikmachen?

Das ist gerade ein großes Thema hier im Hause. Wir, Reimer
und ich, die kreativen Köpfe von Kettcar, haben jetzt beschlossen, uns einfach
mal eine Woche Auszeit zu nehmen.

Wie muss man sich das
vorstellen? Ein paar Tage Textbrüten auf dem Lande?

So ungefähr. Wir hatten diese Situation schon zwei Mal mit
der Band, da sind wir mit allen für 10 Tage ins Wendlandt gefahren. Natürlich
reicht das nicht. Aber ich glaube, dass die Fans nicht von uns erwarten, dass
wir einmal im Jahr eine neue Platte vorstellen. Bei den Texten, die ich mache,
kann ich frühestens nach zwei Jahren wieder eine fabrizieren. Jetzt habe ich
natürlich wieder etwas Druck, 2007 sind wir wieder soweit …

Und touren?

Tournee, nee, das machen wir immer nur dann, wenn wir etwas
Neues raus gebracht haben. Um es quasi einzuführen. Das ist dann alles ein
Abwasch, Deutschland, Österreich, Schweiz. Jetzt hatten wir allerdings ein
Angebot vom Goethe-Institut, im Sommer nach Sibirien zu fahren, aber das
schaffen wir zeitlich nicht. Wir haben für diese Zeit acht Festivalauftritten
fest zugesagt.

Die nächsten
Kettcar-Projekte?

Die neue Scheibe 2007. Die Festivals gut über die Bühne
bringen. Und Anfang August machen einige Grand-Hotel-van-Cleef-Bands eine
GHvC-Festival-Tournee.

Was sind deine
musikalischen Vorbilder?

Das, was Kettcar von anderen Bands unterscheidet, sind die
Texte. Was die Musik betrifft, haben wir nicht vor, das Rad neu zu erfinden.
Ich liebe Drei-Minuten-Popsongs. Die kommen aus England, manchmal aus Amerika …
Meine Lieblingsbands fangen an bei den Beatles über Oasis, die ganzen
Brit-Pop-Bands, aber auch amerikanische wie R.E.M. Aber was machen die anderes
als Popsongs … finde ich großartig! In den letzten Jahren stehe ich zunehmend
auf Singer-Song-Writer, weil das ein Format ist, das Songs ganz anders strahlen
lässt als drei Minuten Pop. Zum Beispiel Elliot Smith, mittlerweile ist er
verstorben, oder aber die frühen Sachen von Bruce Springsteen.

Hin zum Einfachen,
Reduzierten, Schmucklosen?

Bei Bruce Springsteen bilde ich mir immer ein, ich wüsste
ganz genau, wie der da mit seiner Akustikgitarre gesessen hat und seine Lieder
komponiert hat. Das funktioniert alles mit einem einzigen Instrument, weil die
Texte so tragend sind. Wichtig ist mir, dass der Text immer einher geht mit der
Musik und niemals der untergeordnet wird. Ich will halt ganz ganz tolle Texte
schreiben und dafür ist es wichtig, dass sich die Musik hin und wieder mal
hinten anstellt. Wenn das zusammen geht, ist es das non plus ultra.

Deutsche Vorbilder?

Jahrelang fand ich Blumfeld
ganz gut, die frühen Sachen, und Bernd
Begemann.

Nervt das, wenn die
Fans immer die alten Sachen hören wollen?

Nein, die neuen Sachen sind irgendwann wieder die alten
Sachen. Ich finde es gut, und ich brauche das auch, immer wieder weiter zu
machen, neue Sachen auszuprobieren. Zum Beispiel habe ich vor drei Monaten mein
erstes Liebeslied geschrieben. Das wird auch mein Letztes sein, aber ich musste
mir und anderen beweisen, dass ich das kann. Und, ohne zu übertreiben, so ein
Liebeslied habe ich noch nie gehört. Jetzt geht die Reise weiter. Klar, es
besteht immer die Gefahr, dass die Fans sagen, das Alte finde ich geil, das
Neue finde ich Scheiße.

Die Fans machen auch
ihre Erfahrungen, sie werden mit euch älter. Da zählen dann vielleicht auch
andere Themen wie Familie, Liebe und endlich ankommen.

Interessanterweise sind das gerade nicht meine Themen.

Sondern?

Das werden wir sehen.

Kettcars größter
Misserfolg?

Manche Songs haben uns einfach verlassen. Das haben wir sehr
sehr viel Arbeit rein gesteckt, aber es ging irgendwie nicht. Die haben einfach
nicht mehr funktioniert. Da gab es Knatsch in der Band, weil man es nicht wahr
haben wollte.

Was habt ihr mit den
Songs gemacht?

Die haben wir versenkt. Schade, aber ging nicht anders. Die
hat nie jemand zu hören bekommen außer der Band.

Aber gehört das nicht
zum kreativen Prozess?

Ja, aber es hat die Band schon bis an die Belastungsgrenze
gebracht. Wir sind ein wahnsinnig gutes Team, sehr eingespielt, und das hat uns
schon etwas irritiert. Aber um die Frage direkt zu beantworten, so ein
richtiger Misserfolg fällt mir nicht ein …


Das ist doch gut!

Zum Thema „Deutscher Pop“ lest auch  das hier.

Eine Meinung

  1. Warum das letzte liebeslied???versteh ich nicht.. ist doch neu der man?

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