Judith Butler: Haß spricht

Dass Sprache Wirklichkeit schafft, meint man, ist schnell begriffen. Ein Stein ist ein Stein, weil wir ihn so nennen und uns darüber verständigt haben: so und so ist, was wir „Stein“ nennen. Klar. Klar? Im Rückgriff auf die Sprechakttheorie J. L. Austins unterscheidet Butler zwei Typen von Sprechakten: den „illokutionären“ und den „perlokutionären“. Ersterer liegt vor in dem Satz „Ich nehme einen Stein“, wenn ich daraufhin etwas in die Hand nehme, was allgemein als Stein durchgeht (Vollzug mittels Konvention). Letzterer bezeichnet eine Sprechsituation, bei der zwischen der Bezeichnung („Ich nehme einen Stein“) und der Ausführung (Ich nehme einen Stein) eine Lücke klafft, derart, dass ich anstelle des Steins z. B. einen Schuh in die Hand nehme. In diesem Fall erfährt die Sprache eine Manipulation, deren Auswirkungen nicht bekannt sind (Vollzug mittels Konsequenz). Wie der Titel verspricht, geht es Butler um weniger harmlose Beispiele von Manipulation. Sie interessiert der Bereich der „hate speech“, diejenige Rede, „die nicht nur ein Haßgefühl vermittelt, sondern einen verletztenden Akt darstellt.“ Das geschieht, wenn die Rede „sich in verletzender Weise an einen Adressaten richtet.“ Ziel der „hate speech“ ist der Körper eines anderen: „Der Adressat wird seiner Selbstkontrolle beraubt.“ Butler untersucht die Handlungsmacht von „hate speech“ in der Pornografie, im Verhältnis der amerikanischen Armee zur Homosexualität, in der Rap-Musik und im politischen Diskurs. Und sie unternimmt den Versuch einer Theorie der Fehlaneignung ihrer Strategien zu ihrer Bekämpfung: „Wenn man den Namen, den man erhält, aufgreift, tut man mehr als sich nur einer vorgängigen Autorität unterzuordnen, denn der Name hat sich vom vorgängigen Kontext bereits gelöst und ist in das Projekt der Selbstdefinition eingegangen. Das Wort, das verwundet, wird in der neuen Anwendung, die sein früheres Wirkungsgebiet zerstört, zum Instrument des Widerstands … eine Wiederholung in der Sprache, die einen Wandel erzwingt.“

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