Jaron Laniers Essay Digitaler Maoismus: Die Risiken des neuen Internet-Kollektivismus

Es war zu erwarten, dass Jaron Laniers Essay „Digital Maoism“ auf edge.org mächtig Wellen schlagen würde. Der IT-Guru, Künstler, Musiker und Autor Lanier hatte Ende Mai, zwei Wochen nach Kevin Kellys Preisrede auf den frei verfügbaren und kollektiv fortgeschriebenen Text, zum Schlag ausgeholt gegen die „Vorstellung vom allwissenden, unfehlbaren Kollektiv“, die, wie er schreibt, historisch gesehen entsetzliche Folgen gezeitigt habe und die ihm insbesondre der Web-Enzyklopädie Wikipedia und dem Wettbewerb um das ultimative „Meta-Aggregat“ im Netz zugrunde zu liegen scheint. Bevor ich die auf edge.org eingelaufenen Entgegnungen (ua. der Wikipedia-Gründer Larry Sanger und Jimmy Wales) hier dokumentiere, will ich Laniers Argumentation noch einmal zusammenfassen, auch weil Andrian Kreyes Übersetzung des Textes einiges auslässt.

Killers no Fillers

Die meisten Informationen auf Wikipedia, erklärt Lanier, existierten bereits im Netz bevor es Wikipedia gab. Viele dieser Originaltexte hätten an Bedeutung verloren, weil die Suchmaschinen zuerst auf die Wiki-Versionen verlinkten. Durch die „Wikifizierung“, d. h. die Herauslösung eines Textes aus seinem Kontext und die Trennung von seinem Autor, gingen dem Leser jedoch wichtige Informationen verloren:

„The question isn’t just one of authentication and accountability, though those are important, but something more subtle. A voice should be sensed as a whole. You have to have a chance to sense personality in order for language to have its full meaning. Personal Web pages do that, as do journals and books.“

Wikis sind nicht die einzigen Werkzeuge des „foolish collectivism“. Für Lanier beginnt alles bereits mit den ersten automatisierten Meta-Verzeichnissen, wie Yahoo und AltaVista und schließlich Google mit seinen Page-Rank-Algorithmen. Was später die Blogs und Meta-Blogs leisten sollten, nimmt Lanier ausdrücklich aus, weil dort, wie er sagt, noch „echte Menschen“ ausgewählt und Verantwortung übernommen hätten:

„It was still clear, in all such designs, that the Web was made of people, and that ultimately value always came from connecting with real humans.“

In den letzten ein, zwei Jahren aber gehe der Trend hin zur Auslöschung des menschlichen Faktors, „als solle der Eindruck erweckt werden, die Informationen auf dem Netz kämen von einer Art übernatürlichem Orakel.“ Für Lanier genau der Punkt, an dem der Umgang mit dem Internet wahnhafte Züge annimmt.

AI ist unter uns

Oder die grenzenloser Dummheit. Lanier verweist auf die Parallele zwischen dem Phänomen der entpersonalisierten Meta-Sites und dem, was gemeinhin als „Künstliche Intelligenz“ (AI) bezeichnet wird:

„In each case, there’s a presumption that something like a distinct kin to individual human intelligence is either about to appear any minute, or has already appeared … Google’s vast servers and the Wikipedia are both mentioned frequently as being the startup memory for Artificial Intelligences to come.“

Allerdings besteht das Problem für Lanier nicht in der Existenz oder Nicht-Existenz von „metaphysischen Entitäten“, sondern in der „gefährlichen Neigung“, die für den menschlichen Intellekt geltenden Standards herabzusetzen, bloß um derartige Entwicklungen besonders clever erscheinen zu lassen:

„The illusion that what we already have is close to good enough, or that it is alive and will fix itself, is the most dangerous illusion of all. By avoiding that nonsense, it ought to be possible to find a humanistic and practical way to maximize value of the collective on the Web without turning ourselves into idiots. The best guiding principle is to always cherish individuals first.“

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