Ja – Thomas Bernhard zum 75.

Zum 10. und noch einmal zum 15. Todestag Thomas Bernhards vor zwei Jahren rief Sigrid Löffler, weitgehend im selben Wortlaut (hier und hier), zu einer „Revision seines Werkes und seines Wertes“ auf und erklärte großketzerisch, außer vom sozialen und intellektuellen Emporkömmling Bernhard selbst erzählten dessen Texte von der allumfassenden, auf die Lieblosigkeit der eigenen Mutter zurückgehenden Misogynie des Autors. Mit dem kleinen Roman „Ja“ hat Bernhard nicht nur der Frau ein ehrendes Denkmal gesetzt, er hat auch eine anrührende Liebesgeschichte geschrieben. Deren verhaltene Romantik diskreditiert die Glaubwürdigkeit nicht weniger Genrevertreter als emotionale Geschäftemacherei.

Über Antikörper

Auf kaum mehr als 100 Seiten beschreibt der Text Hoffnung, Glück und Enttäuschung einer zwischenmenschlichen Beziehung in seltener Eindringlichkeit und Präzision. Im Zenit seiner Weltentfremdung und Lebensverzweiflung trifft der während der Arbeit an einer Studie über Antikörper in eine existentielle Krise geratene Erzähler auf einen Menschen, dessen Verzweiflungstalent dem seinen genau entspricht. Die „Perserin“ hat ihre gesamte Lebenskraft einem Schweizer Technokraten geopfert, mit dem sie seit Jahren nur noch in Hass und Gleichgültigkeit zusammenlebt. Um sie, wie die Perserin vermutet, endgültig zu vernichten, baut ihr Mann in der „geistfeindlichen und gemütabtötenden Gegend“ der tiefsten österreichischen Provinz ein Haus für sie. In einer ebenso kurzen wie heftigen Geistesbeziehung, die sich auf Spaziergängen, in endlosen Gesprächen und in Schweigen entfaltet, offenbaren der Erzähler und die Fremde sich einander in „rücksichtsloser“ Weise. Durch den gedanklichen Austausch wird die verzweifelte Lage für beide für kurze Zeit erträglich. In Gesprächen über Schopenhauer und Schumann erfahren sie das Glück wechselseitiger Ergänzung. Als es dem Erzähler schließlich gelingt, die Krise zu überwinden und seine Studien wieder aufzunehmen, gerät das Verhältnis aus dem Gleichgewicht und schlägt um in Abneigung. Die Perserin, inwischen von ihrem Mann verlassen, nimmt sich in einem letzten verzweifelten Akt der Selbstbestimmung das Leben.

Ja zum Nein

Mit „Ja“ widmet sich Bernhard einmal mehr seinem Thema der Lebens- und Schaffenskrise. Indem er vorführt, wie die Begegnung zweier Menschen diese begrenzen, beseitigen, aber ebenso verstärken und schließlich zur Verzweiflungstat führen kann, wirft er das Problem der Instrumentalisierung des anderen in der Not auf. Die Schuldfrage indes lässt der Text offen. Als der Erzähler von den Freitod-Absichten der Perserin erfährt, scheint eine Rettung bereits unmöglich. Auf seine Frage, ob sie selbst sich eines Tages umbringen werde, „hatte sie nur gelacht und Ja gesagt“.

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