Ich schau dir aus dem Kühlschrank, Kleines

Wer nicht schreiben will, muss lesen. Da die Welt im März sich weigerte, mir nette, abgefahrene oder sonstige Szenenbeschreibungen mit Kühlschränken zu schicken, öffne ich selbst nochmals die Tür.

Schampus fürs Seelchen

Dieses Mal geht´s um die Begeisterung offenbar jedes zweiten Regisseurs, eine Kamera im Inneren des Kühlschranks zu platzieren und dann das Gesicht und die Hand des Darstellers aufzunehmen, der hineingreift.
Zuletzt im Kino gesehen in John Maddens „Proof“. Gwyneth Paltrow als Tochter von Mathematik-Koryphäe Anthony Hopkins. Der ist zu Beginn des Films schon tot, erscheint seinem Mädel aber in Visionen und spricht mit ihr. Gwyn hat das Genie ihres Dads geerbt, fürchtet aber, auch seinen Hang zur geistigen Verfinsterung und Verwirrung geerbt zu haben und will so recht niemand an sich ranlassen. Ihre Furcht sieht man auch daran, dass sie gern mit angezogenen Knien, Hände um die Knöchel, auf der mit Grün gesäumten Veranda sitzt und mit krauser Stirn auf die Straße blickt.
Jeeeeedenfalls – zu Beginn nimmt Gwyneth eine Schampusflasche aus dem Fridge, weil sie Geburstag hat. Einziger Gast: der imaginierte Daddy. Sie öffnet die Tür, schwupps, Perspektivwechsel, und wir blicken auf Gwyneths kühlschranklichterhelltes Gesicht. Was soll uns der visuelle Schnickschnack, der doch eher im Thriller oder Horrorstück was zu suchen hat? Geht´s um das Türenöffnen, stecken im Schrank sozusagen Gwyneths dunkle Seiten und treten heraus? Antworten erbeten. („Proof“ startet am 4. Mai im Kino.)

Bullenschrank

Zweites Beispiel der jüngsten Zeit: „Eine Frage des Gewissens“ auf dem anspruchsvollen Mitttwochs-Sendeplatz der ARD. Ein Thrillerdrama zur Fragestellung: Darf ein Polizist einen Verdächtigen foltern, wenn dadurch ein Menschenleben gerettet wird ? Antwort, die der Film nach zehn Minuten gibt: Er darf natürlich nicht, aber es gibt Situationen, wo er muss. Fertig. Alles ärgerlich eindimensional und mit alberner Liebesgeschichte. Kühlschrankmoment: Christian Berkel, der nämliche Polizist, nach seiner Verhöraktion aus dem Job geschmissen, steht in der Küche. Er öffnet die Tür des Silberlings… Auch hier: Sinnloser Quark, die Kamera im Kühlschrank. Etwa eine Art Echo auf die Voyeursblicke von Presse und Öffentlichkeit, denen der Polizist ausgeliefert ist? Hmpf.
Gut, gut, ist ja alles nicht verboten. Aber was wäre dem Film genommen, hätte man Berkel schlicht von hinten aufgenommen? Aufmachen, was rausnehmen, Berkel dreht sich wieder um. Ich hätte das so gemacht. Tür zu.

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