Henry James ? nie gehört? Dann wird es aber Zeit!

Henry James hat heute in der englischsprachigen Welt in
etwa den Status, den Theodor Fontane in der deutschsprachigen Literatur
einnimmt: eine der wichtigen Stationen auf dem Weg zum modernen Roman. Das war
aber nicht immer so. David Lodge konzentriert sich im Hauptteil seines Buches
auf eine Zeit der Krise im Leben von Henry James, der seit Ende 1876 hauptsächlich
in London lebte. Ende der 1880er Jahre ist sein Ruhm als Autor im Schwinden
begriffen, der Absatz seiner Bücher geht von Jahr zu Jahr zurück und James
sieht sich auf lange Sicht einer ernsthaften finanziellen Notlage gegenüber.
 
Da kommt es ihm gerade recht, dass er Ende 1888 die
Anfrage einer englischen Theatertruppe bekommt, die ihn bittet, seinen Roman
»Der Amerikaner« zu einem Theaterstück umzuarbeiten. Nach anfänglichem Zögern
begreift James dieses Angebot als Chance, seine finanzielle Lage dauerhaft abzusichern.
Er geht nicht nur auf das Angebot ein, sondern entwirft zugleich den Plan, eine
Karriere als Bühnenautor zu beginnen. Erst nach mehr als fünf Jahren wird James
die Fruchtlosigkeit seiner Versuche endgültig einsehen. Lodge beschreibt die Hoffnungen,
Anstrengungen, Erfolge und Niederlagen, die James in diesen Jahren durchlebt,
mit großer Sensibilität und Empathie.
 
Begleitet wird die Erzählung dieser Lebensphase von der
Darstellung zweier wichtiger Freundschaften mit anderen Autoren: George du
Maurier (dem Großvater von Daphne du Maurier), eigentlich Zeichner, der 1894
mit seinem Roman »Trilby« einen Megaseller schreibt, und Constance Fenimore
Woolson, der Frau, die dem lebenslang keuschen Henry James wohl am nächsten
stand; auch sie war als Autorin kommerziell wesentlich erfolgreicher als James.

 
Dieser Hauptteil wird durch die Erzählung der letzten
Wochen gerahmt, die Henry James durchlebt: Seinem langsamen geistigen Verfall
nach einem Schlaganfall, der Ehrung durch das englische Königshaus mit dem Order
of Merit, seinem Tod und schließlich einem Ausblick auf seinen Nachruhm, der in
der englischsprachigen Welt bis heute anhält.
 
Lodges »Autor, Autor« ist ein ruhig und sorgfältig erzählter
Roman, was seinem Inhalt auch ganz angemessen ist. An einer Stelle macht sich
Lodge beinahe ein wenig lustig über Henry James und zugleich über sich selbst:
 

Das Thema […] war reizvoll,
aber er gab bereitwillig zu, daß der Roman mit zu vielen Kommentaren
behaftet und im Tempo zu gemächlich war. [S. 137]

 
Doch wer ein wenig Geduld für das Buch aufbringt und sich
für Schriftsteller und das späte 19. Jahrhundert interessiert, sollte »Autor,
Autor« auf jeden Fall lesen.
 
David Lodge: Autor, Autor. Gerd Haffmans bei
Zweitausendeins, 2006. Fadenheftung; 544 Seiten. 17,90 €.

2 Meinungen

  1. Jetzt gibt’s ne neue Fontane-Community!

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