Hello Alexandria!

Damals in Alexandria, da war es fast soweit. Geschätzte 50 Prozent aller existierenden Schriftrollen waren in der großen Bibliothek untergebracht. Mit den angepeilten 100 Prozent wurde es dann aber doch nichts. Der Traum von der allumfassenden Bibliothek jedoch blieb. Laut Kevin Kelly kommen wir der Sache wieder näher, sehr nahe sogar, seit Google 2004 verkündete, mit Google Print den Bestand von fünf der wichtigsten Bibliotheken zu scannen, um sie „searchable“ zu machen, digital erschließbar also. Die so entstehende Universalbibliothek, wir ahnen es, wird anders ausehn als das gute alte Germanistische Seminar oder der Bücherbus: Die bis heute weltweit publizierten geschätzten 32 Millionen Bücher und 750 Millionen Artikel würden zusammen mit den ebenfalls in eine Universalbibliothek gehörenden 25 Millionen Songs, 500 Millionen Bildern, 500 000 Filmen, 3 Millionen Videos und 100 Milliarden Websites auch in kein Gebäude passen. Mit der Technologie von morgen, meint Kelly, geht das alles locker auf einen iPod – wenn es dann nicht über schlanke weiße Kabel sowieso direkt mit unserem Gehirn verbunden ist.

So weit so gut. Magisch wird es für Kelly allerdings erst im zweiten Akt, wenn jedes Wort in jedem Buch kreuz-verlinkt, kategorisiert, zitiert, herausgelöst, indiziert, analysiert, geremixt, mit Anmerkungen versehen und neu zusammengesetzt und so kulturell stärker vernetzt ist denn je. Nichts gegen das Buch als haptisches Ereignis, aber ein Buch bleibt eben für sich. Mit jedem neuen Hyperlink aber, den irgendein Nerd zu einer längst vergessenen Winkelpublikation setzt, so Kelly, wächst das eine, sehr, sehr große Buch und mit ihm das kollektive Wissen.

Das ist schön, das ist demokratisch. Wann geht’s los?

Es wäre nicht von dieser Welt, wenn es nicht eine Lobby gäbe, die das schöne Projekt torpedierte. Kelly spricht von einem „Kampf der Geschäftsmodelle“.Obwohl etwa 75 Prozent aller Bücher in den Bibliotheken „verwaist“, also ohne erkennbares Copyright sind, laufen die Verlage Sturm gegen Googles Alexandria-Projekt und den frei flottierenden Supertext. Ist erst das Urheberrecht entthront, können sie einpacken. Das Exemplar als geldwerte Einheit wäre tot. Der einzelne Text aber gewänne an Bedeutung und an Leben, während er durch die vernetzte Welt wandern würde.

Wann geht’s denn nun los?

Das große Scannen wird kommen, es wird kommen, meint Kelly, noch bevor der Streit zwischen der Copyright-Liga und den Visionären der Suchmaschinen beigelegt und die rechtlichen Fragen geklärt sind. Warum? Weil es möglich sein wird und weil es so gut ist, einfach deshalb.

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