Helen Walsh: Millie

„Kein Plot nirgends, keine fein ziselierten Figuren weit und breit, nur
diese nächtlichen, sextriefenden Stationen, ein nicht endenwollender
herausgekotzter Albtraum. Ein britischer Amazon-Leser verglich den
selbstzerstörerisschen Kiez-Trip der rotzigen bisexuellen Millie mit
Dantes Inferno. Alles in Rufweite zur Liverpool Cathedral, doch kein
helfender Gott weit und breit.“ Ravi Unger

Angeekelt vom schalen, langweiligen Leben irrt Millie, die
Protagonistin, verstört und immer auf Koks durch das verregnete Toxteth, ein
vergessenes Viertel Liverpools. Die perversen Sexspielchen mit den infektiösen Nutten
der Vorstädte, der Missbrauch eines 14-jährigen Mädchens auf der Toilette einer
Diskothek und die Drogentrips mit ihren Freunden aus den Arbeitervierteln
betäuben nur kurz. Selbst Jamie, ihr erster und letzter bester Freund, kann
nur das Schlimmste verhindern.

Walsh erzählt viel auf wenigen Seiten, und die Bilder, die sie erzeugt, sind nicht schön. Nein,
sie sind gewaltig und eindringlich, und so spürt man sich schnell mit der
Heldin durch die Liverpooler Nächte irren, schaudert, wenn sie vor einer Minderjährigen
in die Knie geht und halluziniert, wenn der Himmel über der Stadt
größenwahnsinnig wird.
 
Und dann fragt  man sich, worauf dieses Buch eine Antwort ist. Sind es die
Memoiren einer Drepressiven? Oder will es der neue Diskursbeitrag zum
Thema: Gender sein? (Die Autorin selbst stellte diese Absicht später als
lächerlich hin.) Oft angesprochen: das Innovative des pornografischen
Blickes der Männer durch die Augen einer Frau (Schwachsinn!).

Vielleicht ist es viel einfacher: nämlich Einblick und Erinnerung für alle, die auch mal auf der Suche waren. Nachdem, was sie
verloren haben und nachdem, was das Leben für sie bereithält. Man darf gespannt
sein auf die groß gewordene Walsh und ihre nächsten  Bücher, die hoffentlich kommen
werden. Helen Walsh: Millie. KiWi 2005.

2. Foto der Bildershow: die Autorin Helen Walsh, Quelle: www.canongate.net

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