Ein langer Weg heim ? Bernhard Schlinks neuer Roman

Erzählt wird das Buch vom Ich-Erzähler Peter Debauer, der
zu Anfang von seinen glücklichen und harmonischen Ferientagen bei seinen Großeltern
väterlicherseits erzählt. Sein Vater, so glaubt Peter Debauer, ist im Zweiten
Weltkrieg noch vor der Geburt seines Sohnes gestorben. Peter Debauer lebt mit
seiner Mutter in Deutschland und besucht in den Sommerferien stets seine
Großeltern in der Schweiz. Weil seine Großeltern für einen Verlag arbeiten,
bekommt Peter mehr zufällig Druckfahnen eines Romans an die Hand, der von der
Flucht einer Gruppe von deutschen Soldaten von Sibirien nach Deutschland
erzählt. Der Roman fasziniert ihn, aber die Fahnen, deren Rückseiten Peter als
Schmierpapier benutzt, enthalten schon nicht mehr das Ende des Romans. Viele
Jahre nach der ersten Lektüre dieses Romans macht sich Peter Debauer auf die
Suche nach dem Autor und gerät dabei zugleich immer mehr auch in eine Suche
nach seinem Vater hinein, der in Wahrheit eine ganz andere Geschichte hat, als Peter
sie von seiner Mutter erzählt bekommen hat. Ich will nicht zuviel von den
zahlreichen Verwicklungen und Überraschungen der Romans verraten.
 
Das Buch ist in dem schon aus seinen früheren Texten bekannten
ruhigen und gelassenen Stil Schlinks verfasst. Schriftstellerische Aufgeregtheit
ist Schlink wesentlich fremd. Seine Geschichte ist auch diesmal sorgfältig
durchkonstruiert und literarisch reichhaltig unterfüttert. Mir persönlich hilft zwar dem
Protagonisten ein wenig zu oft ein glücklicher Zufall auf den richtigen Weg, aber
so etwas ist häufig nur eine Frage des Geschmacks und mag andere Leser gar nicht
weiter stören.
 
Allerdings erschöpft sich das Buch nicht im Erzählen der
durchaus verwickelten Handlung, sondern auf einer zweiten Ebene verhandelt
Schlink einmal mehr seine Lieblingsthemen: Die Nachwirkungen und die
Nachgeschichte des Nationalsozialismus und die Frage nach der Gerechtigkeit. Dabei
geht es besonders zum Ende des vierten und im fünften Teil durchaus
anspruchsvoll zu Sache, wobei allerdings gefragt werden kann, ob es nicht mehr
beim Anspruch bleibt als dass es zur Erfüllung dieses Anspruchs kommt. Da spielt
zum Beispiel die Philosophie des Dekonstruktivismus eine nicht unbedeutende
Rolle. Nun ist dem Autor durchaus klar, dass ein Großteil seiner potentiellen
Leser mit dem Wort wenig werden anfangen können und will ihnen deshalb ein
wenig Hilfestellung leisten:
 

Dekonstruktivismus bedeutet Ablösung des
Texts von dem, was der Autor mit ihm gemeint hat, und Auflösung in das, was der
Leser aus ihm macht; er geht sogar weiter und kennt keine Wirklichkeit, sondern
nur die Texte, die wir über sie schreiben und lesen.

 
Das ist nicht falsch, aber es besagt so zusammenhanglos,
wie es auch im Buch stehen bleibt, wenig und ist am Ende nur eine philosophische
Klippschuldefinition. Dabei ist – wie gesagt – das Thema Dekonstruktivismus
nicht nur eine intellektuelle Verzierung des Romans, sondern gehört zum
gedanklichen Kernbestand dessen, worum es Peter Debauer und seinem Autor geht:
Um die Frage nämlich, ob und in welcher Form das Böse, das im Nationalsozialismus
in fürchterlichster Form in Erscheinung tritt, heute noch immer wirksam ist und
in einem »modernen intellektuellen Faschismus« fortsetzt wird. Und ob und wie
sich die Generation der Söhne von den Theorien der Väter absetzen kann, ohne
dass es ihnen gelingt, die Kernfrage nach dem Verhältnis von Gut und Böse auch
nur annähernd zu beantworten.
 
Gerade in seinem denkerischen Kern bleibt das Buch halbherzig:
Auf der einen Seite will es ein ernstes und anspruchsvolles Thema
transportieren, auf der anderen Seite traut es sich nicht, seinen Lesern den
dazu notwendigen Aufwand an gedanklicher Differenzierung und Theorie tatsächlich
zuzumuten. Es will sein Thema einerseits nicht auf Kosten der Wahrhaftigkeit popularisieren,
andererseits die Romanhandlung nicht durch langatmige theoretische Exkurse überfrachten.
Und so fürchte ich, dass am Ende viele Leser Schlinks unbefriedigt bleiben: Diejenigen,
denen diese Ebene letztlich unzugänglich bleibt, stehen ein wenig ratlos vor
den letzten 110 Seiten, und diejenigen, die an der Auseinandersetzung teilnehmen
könnten und wollten, sind enttäuscht, weil das Buch nirgends wirklich ein Niveau
erreicht, auf dem es über intellektuelle Banalitäten hinausgelangen würde. Und
so ist das Buch – je nach Perspektive – entweder 150 Seiten zu lang oder 700
Seiten zu kurz geraten.
 
Bernhard Schlink: Die
Heimkehr.
Diogenes Verlag, 2006. Leinen; 375 Seiten. 19,90 €.

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