Echte Menschen statt Sommerloch

Über das Loserinnen-Porträt „Sommer vorm Balkon“ von Andreas
Dresen kann ich mit meinem Freund U., einem professionellen Filmkritiker, vortrefflich
zanken. Wo ich mich in Rage rede über die Frauenbilder (die eine
versagt als Mutter, die andere vergisst sich selbst als sie in eine neue
Beziehung mit einem Schwachmaten einsteigt), schwärmt er von echten Menschen.
Und an genau diese Formulierung musste ich gestern Abend denken, als ich nach Robert
Thalheims „Netto“ meinen zweiten „gefühlsechten“ Film der diesjährigen ZDF-Reihe
mit Werken junger deutscher Regisseure sah. Während sich in „Netto“ ein Vater
und ein Sohn nach langer Funkstille annähern, geht es in „liebeskind“ um
eine schwierige Vater-Tochter-Kiste.  Der
Vater hat seine Kleine und deren Mutter verlassen. Als er nach Jahren
zurückkehrt, ist die Tochter siebzehn. Sie steht nicht auf der Schwelle zum
Frausein, sie hüpft darauf frech vor und zurück. Mal lässt Alma sich wie ein
Kleinkind fallen, dann wieder mimt sie die Laszive. Was für ein wahnsinniges Unglück, dass
auch der Vater nur ein Mann ist. (Das Inzest-Thema ist heute DER Aufreger bei Bild online)
 
„Netto“ und „liebeskind“ können mit renommierten
Auszeichnungen wuchern, vor allem aber sich damit brüsten „echte Menschen“ zu
zeigen. Wie man es auch nennt: Wer mal keine Lust auf
Hollywoodschmonzes hat, notiert sich bitte folgende ZDF-Termine:
 
Gefühlsecht 2006

Montag, 7. August 2006, 0.00 Uhr
„Strähl – Ein Bulle am Abgrund“ von Manuel Flurin Hendry
Schweiz 2004
In dem
rau-realistischen Polizeifilm erzählt Manuel Flurin Hendry vom Kampf mit der Sucht in einem städ­tischen
Problemviertel. In der Figur des cholerischen Züricher Dro­genfahnders Strähl
kulminiert die Überidentifikation mit dem Beruf in Selbstzerstörung, Gewalt und
Tablettenabhängigkeit.


Dienstag, 8. August 2006, 22.45 Uhr
 
„Sie haben Knut“ von Stefan Krohmer
Deutschland 2002
Der Film spielt 1983 auf einer Skihütte
in den Alpen, wo ein Pärchen unsanft bei der Bewältigung seiner Be­ziehungskrise
gestört wird. Hinter einer tragikkomischen Liebesge­schichte entwirft der
Ensemble-Film ein genaues Stimmungsbild zwi­schen den Idealen der 68er Bewegung
und frühen Vorzeichen der New Economy in der aufkommenden Kohl-Ära.


Montag, 14. August 2006, 0.20 Uhr
    
„Jena Paradies“ von Marco Mittelstaedt
Deutschland 2004
Marco
Mittelstaedt erzählt in „Jena Paradies“ vom Lebenshunger ei­ner
jungen, alleinerziehenden Mutter und der Sehnsucht ihres vaterlo­sen Sohnes,
von den Differenzen der Lebensformen unterschiedlicher Generationen im Osten
Deutschlands und dem alltäglichen Kampf ums Glück.


Dienstag, 15. August 2006, 22.45 Uhr

„Siehst du mich?“ von Katinka Feistl
Deutschland 2005
Der Kampf einer
pummeligen Kosmetikverkäuferin Anfang 20 um Respekt, Würde und Hoffnung in
einer Welt normierender Schönheitsideale. Ihren ausblei­benden Erfolg schiebt
sie auf ihren Körper, den letzten Ausweg ver­spricht eine Schönheitsoperation.


Montag, 21. August 2006, 0.00 Uhr
    
„Kaltfront“ von Valentin Hitz
Österreich/Deutschland 2003
Das Drama einer Gruppe von fünf jungen Einbrechern,
deren Rückzug in eine Tiroler Berghütte zur Zerreißprobe wird. In ihrem Spiel
des Erwachsenseins werden sie im­mer wieder von ihrer Sehnsucht nach kindlicher
Verantwortungslosig­keit eingeholt. Sie scheitern aneinander, jeder für sich
allein.

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