Die Rückkehr des Gutmenschen

Neulich wollte ich mit der U-Bahn fahren. Und als ich da so
unbedarft auf meine Mitfahrgelegenheit wartete, wurde ich von einer geheimnisvollen
Kraft in Richtung Zeitungskiosk gelenkt. Bereitwillig ließ ich mich führen und
meinen Blick über die Auslagen schweifen. Und dort, inmitten der
unübersichtlichen Auswahl unzähliger Spezialinteressemagazine, sah ich ihn,
diesen weisen und gütigen Hirten, der mich aus Trost spendenden Augen von
seiner gleichnamigen Zeitschrift anblickte: Fliege. Doch ich war noch nicht
bereit; zu tiefe Ehrfurcht empfand ich im Angesicht dieses himmlischen Presseerzeugnisses.

 


„Disco oder Dönerbude?“

 
Einige Tage später, ich hatte den Vorfall schon fast wieder
vergessen, packte mich diese geheimnisvolle Kraft ein zweites Mal, diesmal im Zeitungsladen
um die Ecke. Wie von einer unsichtbaren Hand gesteuert etc. pp. Kurz und gut­:
Ich bezahlte zwei neunzig, denn ich musste unbedingt wissen, worüber der
Gottesmann schrieb. Z. B. über das „Kirchenbeben“ („Die kleine Kirche in
unserer Straße: wird sie Disco oder Dönerbude?“):
 

„V
or zehn Jahren (…)
hatte ein evangelischer Pfarrer einen Traum. Leser dieser Zeitschrift werden
vermuten, wer der Pfarrer war.“
– Hm…. „In
12 Jahren Pfarrdienst hatte er bis zum Beginn seiner Talkshow in der ARD“ –
naaa, liebe Leser? – „in verschiedenen
Gemeinden der rheinischen Kirche durch menschennahe Gottesdienste gegen den
Mitgliederschwund angearbeitet. Der Traum ist rasch erzählt: Die Kirche kam
Pfarrer Fliege“
–jetzt aber, liebe Leser dieser Zeitschrift… – „vor wie der Turm zu Babylon. Und dieser
Turm brach in einem Beben in sich zusammen – ähnlich wie im September 2001 das
World Trade Center in New York.“

 
Das muss man sich mal vorstellen: Schon 1996, im selben
Jahr, in dem Fliege den „Bambi“ für die beliebteste Talkshow erhielt, also fünf
Jahre vor 9/11, wusste der Mann schon, was passieren würde. Warum bloß hat uns
der Prophet nicht vorgewarnt? Wahrscheinlich hat er bei dem Sprachengewirr, das
ihm da aus dem evangelisch-babylonischen Kirchenturm entgegenkam, nicht ganz
kapiert, was das sollte. Oder ist ihm der Vergleich mit dem WTC erst später eingefallen,
weil da auch Dönerbudenbesitzer reingeflogen waren?
 

Fliege ● Fliege ● Fliege

 

Wie dem auch sei, Fliege bleibt auch mit der Zeitschrift seinem
„Konzept“ treu, das auf der immer noch aufrufbaren ARD-Fliege-Seite zu finden
ist: „Seriosität und Einfühlungsvermögen, Aktualität und Information mit einem
Schwerpunkt hin zu Gesundheits- und Service-Themen“. Dazu muss man sagen, dass
die Gesundheitsthemen im Magazin zum Pfarrer verdächtig in Richtung Wunder- und
Geistheilung gehen. Auch nicht so ganz koscher. Unterm Strich hat sich der Mann
viel vorgenommen: „Helfen ● Beraten ● Heilen ●
Wissen“, so das Motto der Zeitschrift. Das „Wissen“ ist allerdings gerade erst
dazugekommen, denn auf der Website des Meisters wird noch eine alte
Ausgabe, die sich nur um „Helfen ● Beraten ● Heilen“ kümmert, als die
aktuelle angegeben.
 
Man sieht, der Webmaster ist nicht unbedingt der Schnellste
und Aktuellste (so ruhet leider auch das
großspurig angepriesene Forum vorübergehend in Frieden), doch wenn es sich beim ihm, wie ich vermute, auch um Fliege
handelt, dann ist das verständlich, so viel Zeit kann ein Normalsterblicher gar
nicht haben, da und dort predigen, hier und da helfen, beraten und heilen, und
eine Zeitschrift herausgeben, in der man über sich selbst schreibt, die also im
Prinzip nur von einem selbst handelt (man beachte auch das Logo des Blattes,
das doppelt deutlich macht, um wen es geht). Nicht mal mehr Zeit fürs Fernsehen
– der Mann hat es wirklich weit gebracht.

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