Die Oh-Weh-WG

Meines Wissens setzt sich die Mehrheit der WGs in
Deutschland aus Studenten zusammen, die sich meist keine großen Sprünge leisten
können und die durch Teilung von Wohnraum die Miete minimieren wollen. Bei WGs
im Fernsehen ist das meistens etwas anders. Die nehmen oft loftartige Ausmaße
an und sehen so aus, als würden die Bewohner über Einkommen von um zwei- bis
viertausend Euro netto verfügen. Diese studentische Dekadenz der Soap-Welt kann
RTL mit seiner „Coca Cola Heimspiel-WG“ (jede Nacht zwischen null und eins) natürlich
übertrumpfen und quartiert seine Hampelmänner gleich in einer Villa ein. Die
herrschaftliche Unterkunft steht auch nicht irgendwo, sondern in unmittelbarer
Nähe zum FIFA WM-Stadion Berlin.
 
Und die Bewohner? Die haben sich offensichtlich weder an der
Uni noch im Nachtleben kennen gelernt, sondern sind eine Anhäufung von nach
Aussehen und Flippigkeit sortierten Angehörigen der Jugend Deutschlands, die
wohl auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Jeder mit seinem eigenen
„aussagekräftigen“ Profil, das man auf der Heimspiel-Homepage abrufen kann,
wenn man sich denn endlich durch die wilden Animationen der äußerst flashigen
Internet-Präsenz geklickt hat. Und am Ende – mit Augenschmerzen und verdrehten
Synapsen – weiß man: Annett, Justus, Betsi, Jov und Gilo wohnen keinesfalls in einer
normalen WG, sondern in der „schrägsten WG aller Zeiten“.
 
Am meisten hat es mir Gilo angetan, der Sozialpädagoge und
Animateur, der bei Dance und Electronic so richtig abgeht und Fußball am
liebsten in der Fankurve genießt. Oder auch Betsi, die nach eigenen Angaben die
schlechte Angewohnheit hat, „erst zu reden und dann zu denken.“ Das kann ich
bestätigen, auch wenn ich nur eine Sendung durchgehalten habe. In dieser
Ausgabe, die auf das Spiel zwischen Deutschland und Schweden folgte, haben sich
die Jungs und die Mädels aufgeteilt und an verschiedenen Orten die Partie des
Tages verfolgt. Die Mädchen versuchen herauszufinden, wo mehr Party ist: im
Puff oder im Altersheim. Das Fazit ist nicht sehr überraschend.
 
Währenddessen sind die beiden Jungs als Dumm-Dumm-Geschoss
unterwegs, prollen im geliehenen Saab-Cabrio durch Berlin und bombardieren
Fußgänger-Fußballfans mit Fragen wie „Seid ihr aus Schweden?“ und „Wollt ihr
mit uns Fußball gucken?“, und wenn dann die zweite Frage endlich mit Ja
beantwortet wird, geht’s auf die „Grillveranda“ zum Fernsehen. Dazu gibt’s kein
Bier, sondern nicht weiter gekennzeichnete, vermutlich stark gezuckerte
Softdrinks aus Deutschland, Deutschland!-Gläsern, und während die eingeladenen
Damen sich sichtlich unwohl fühlen, versuchen die Jungs, die Stimmung mit
gekonnt euphorischem Jubel (wahrscheinlich zentraler Teil des Castings)
hochzukochen.
 
Die Zuschauer dürfen natürlich auch mitmachen und können
durch das Hochladen eigener Filmchen neben WM-Tickets ein „ultimatives
Multimedia-Center“, „ultrasscharfe Flat-TVs“ und „brandheiße MP3-Player“
gewinnen. Also auch das obersupermegagigageil und kaum zu toppen. Bleibt nur zu
hoffen, dass es zur EM 2008 in Österreich und der Schweiz keine
„Auswärtsspiel-WG“ gibt. Obwohl die Kombination aus WG, Fußball und Alm mich nach
dem anstrengenden WM-Begleitprogramm auch nicht mehr überraschen würde.

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