Buchhändler könnten mit der Kategorisierung der ?Andenken? von Lars Brandt Probleme haben.


Lars Brandt sammelt in seinem Buch ca. 100 „Andenken“ die das Verhältnis zu seinem Vater, dem Politiker Willy Brandt, skizzieren. Es ist sehr literarisch geschrieben und steht m. E. völlig zu Unrecht auf der Sachbuch-Bestseller-Liste des „Spiegels“. Nicht weil es schlecht, sondern gerade weil es so lesenswert ist. Der Sohn unternimmt posthum den Versuch, den Vater zu verstehen, einen Menschen, der seine Briefe an den Sohn mit „V.“ unterzeichnete, der seine Vaterrolle kaum zu spielen vermochte, weil er immer mehr der Öffentlichkeit als der Familie gehörte. Das ist ein schwieriges Unterfangen. Noch schwieriger ist es, sich mit den vielen Leerstellen im eigenen Leben, dem des Sohnes, versöhnlich zu zeigen. Der Vater, Willy,  überlässt dem Sohn die wichtigen Entscheidungen selbst. Der Sohn, Lars, war seinem Vater jahrelang wichtiger Gesprächspartner, Reisebegleiter und Redenschreiber. Er schreibt konsequent und knapp.
Verlorene Väter
 „Natürlich gehört Andenken in die pralle von Kafka bis Meckel hinausreichende Tradition der Sohn-Literatur. Nur fehlt dem Text von Lars Brandt der dafür typische aggressive Vaterkomplex.“ (Die Zeit).
Im Mittelpunkt steht der 1992 verstorbene Vater. Das Werk ist geprägt von Nähe und Distanz. Vater und Sohn benötigen im Umgang miteinander nie viele Worte um sich einig zu sein. Beim Frühstück genügte  (uns) das Knistern der Zeitungen, dazu aßen wir krachend Toast“. Eine geteilte Leidenschaft galt dem Angeln, das ja bekanntermaßen auch nur weniger Worte bedarf. Der Sohn fordert nie ein oder klagt darüber, wie sehr er auf der Suche nach Nähe war und für diese ein feines Gespür entwickelte: “ Kindheitserinnerungen, in denen er mir über die Wange oder das Haar strich, habe ich nicht. Küsse gab es schon gar nicht. Erst viel später (kurz vor seinem Tod 1992), als wir uns nach langer Zeit wieder sahen, weil er mir Nachricht gab, dass er sehr krank war, schmolz der glaziale Abstand, und wir umarmten uns.“
Lars Brandt,  geboren 1951 in Berlin, ist eines der vier Kinder des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers u. SPD-Vorsitzenden Willy Brandt (1913-1992). Der in Bonn lebende Filmemacher, Künstler und Schriftsteller stammt aus der zweiten Ehe mit Rut Bergaust.  Selbst nie Mitglied einer Partei, erlebte er den Aufstieg des Vaters hautnah mit. Lars Brandt: Andenken, 157 Seiten. Hanser 15,90.
 

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