Beerdigung in der Karibik und eine Biographie der Obsessionen

Von Liane Dirks las ich 1986 den ersten Roman „ Die Liebe Angst“ über den sexuellen Missbrauch durch den Vater an ihr und ihrer Schwester, mit Schrecken und Betroffenheit. Mutig erschien es mir, das Thema auf diese Weise öffentlich zu machen.
Fast noch mutiger erscheint mir aus heutiger Sicht ihr dritter Roman „Vier Arten meinen Vater zu beerdigen“. Das Monster der Kindheit ist tot und die Autorin begibt sich auf Spurensuche. Endlich kann stattfinden, was damals noch nicht möglich war: sie kann ihren Vater, der nach einer Gefängnisstrafe in der Karibik lebte, nach dessen Tod beerdigen und seine Geschichte erzählen. Damit befreit sie auch sich selbst von diesem Schatten. Die 220 Seiten, werden nie langweilig und das Besondere ist Ihre Art nicht nach Erklärungen zu suchen, sondern die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Das Buch spielt in weiten Teilen in den 20er und 30er Jahren in Hamburg, beschreibt die Nazi-Zeit und vermittelt so den Zeitkontext in dem Günther aufwuchs. Das erspart der Tochter die offene Abrechnung mit seiner Person und so erzählt sie eine Geschichte, die in weiten Teilen auch die Geschichte ihres Leidens  und Traumas der Kindheit ist.
Dirks beschreibt die Zeit seiner Lehrjahre als Koch. „Es ist eine Welt der sinnlichen Reize, da schmeckt es, riecht, fühlt sich an, leuchtet – meist in zwielichtigen Tönen: „Er lernte töten, abstechen, ausnehmen, schuppen, häuten, filetieren, vor allem aber lernte er, was sie brauchen, die Fische. Sie brauchen Gefühl. Man muss sie betrachten, man muss an ihnen riechen, ihre Augen besehen, drüberreiben, man muss sie durch die Hände gleiten lassen“.
Ende der fünfziger Jahre folgt Günther als Küchenchef seinem Freund, der dort ein Nobelhotel führt,  nach Barbados. „Die Familie kommt nach. Und die Tropenluft wirkt wie befreiend. Aber wie es mit Paradiesen so ist: Der Mensch ist ihnen nicht gewachsen, irgendwo lockt die Versuchung, lockt das Böse. Der Leser fühlt sich streckenweise in einen unter Palmen gedrehten David Lynch-Film versetzt. Von der Befreiung zur Enthemmung – und damit zum Selbstverlust – ist es für Günther nicht weit. Diese „Mischung aus Angst und Seligkeit“, aus der ihm als junger Mann Lust erwuchs, überträgt sich auf die Töchter als konkrete Bedrohung. Sie werden jahrelang missbraucht, ohne den Vater dafür hassen zu können. Erst sehr viel später, als sie alle wieder in Deutschland leben, wird er angezeigt.
„Ein Wechsel in die Ich-Perspektive im letzten Teil des Romans ist nur konsequent. Die Beschreibung der Reise der erwachsenen Tochter nach Barbados zu dem verschollen geglaubten und unmittelbar vor ihrer Ankunft verstorbenen Vater gehört in ihrer rücksichtsfreien Direktheit zu den beeindruckendsten Passagen des Buchs. Eines Buches, das sehr viel mehr als eine Inzest-Geschichte und deren literarisch-therapeutische Behandlung bietet, das weder moralisiert, noch die Opferperspektive ausschlachtet, und mit dem man gerade deshalb – auch nach den Schlusszeilen – nicht fertig wird: >Mein Herz schlägt, ich fühle meinen Körper, aber manchmal schau ich verwundert das Leben an, was Menschen alles machen.<“ (Dagmar Ploetz).
Liane Dirks, geboren 1955 in Hamburg, ist seit 1985 freie Schriftstellerin. Sie erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Sie lebt mit ihren zwei Töchtern in Köln.
Vier Arten meinen Vater zu beerdigen. Roman. btb 2004, 8.50

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