Arbeit darf nicht arm machen!

Diese Kampagne ist irgendwie sonderbar. Ihre mediale Verbreitung steht
in deutlichem Kontrast zum gegenwärtigen Streik im
öffentlichen Dienst, mit dem ver.di Länder und Kommunen überzieht. Kaum
markige Sprüche der Gewerkschaftsbosse, keine Krawall-Rhetorik.
Stattdessen baut die Initiative Mindestlohn
auf nüchterne Inszenierung und sachliche Argumentation. Überzeugsarbeit
scheint angesagt und nicht Stimmungsmache. Und siehe da, die Nation
diskutiert das Für und Wider, über alle Parteigrenzen hinweg, im
Arbeitgeber- wie Arbeitnehmerlager.

Gegründet wurde
dieses nach eigener Auskunft überparteiliche und zeitlich befristete
Bündnis im Januar 2006 von den Gewerkschaften Nahrung Genuss
Gaststätten und ver.di. Dem Anliegen des Bündnisses würde sicherlich
niemand offen widersprechen wollen: „Von Arbeit muss man leben können.“
Bei schätzungsweise 2,5 Millionen Vollbeschäftigten reichen die
monatlichen Einkünfte jedoch gerade mal fürs Nötigste. Ein gesetzlicher
Mindestlohn von 7,50 Euro, der sukzessive auf 9,00 Euro pro Stunde
aufgestockt werden könnte, wird als probates Mittel gegen Lohndumping
und Arbeitsarmut angesehen. Als „arm“ gilt, wer weniger als 50 % des
Durchschnittseinkommens verdient. Und das sind in Deutschland einige
Millionen, Beschäftigte wie Arbeitslose.

Achtzehn
europäische Nachbarländer haben den Mindestlohn bereits eingeführt,
teilweise schon vor Jahrzehnten, zum Beispiel Frankreich (1950), die
Niederlande (1968), selbst das stets flexibilitätsbedachte
Großbritannien (1999). Nur Deutschland sperrt sich hartnäckig.

Gute
Gründe für die Einführung gäbe es reichlich. Ein Mindestlohn soll in
erster Linie für mehr soziale Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt
sorgen. Gerade in einem so reichen Land wie der Bundesrepublik sollte
niemand gezwungen sein, für einen Hungerlohn in Vollzeit zu arbeiten
oder sich mit mehreren schlecht bezahlten Minijobs durchschlagen zu
müssen. Derartige Beschäftigungsverhältnisse wären überdies äußerst
unattraktiv, kaum einer würde sie dem Dauerbezug sozialstaatlicher
Transferleistungen vorziehen. Ein existenzsichernder Mindestlohn indes
böte genügend Anreiz, geringvergütete Arbeit aufzunehmen. Die
Initiatoren der Kampagne sehen darin einen durchaus gangbaren Weg aus
der Armutsfalle, in der viele Gering- und Unqualifizierte stecken.

Aber
auch zahlreiche wirtschaftliche Gründe sind nicht von der Hand zu
weisen. Gesetzlich garantierte Löhne in angemessener Höhe erlaubten
eine verstärkte Teilhabe am Konsum. Eine gesteigert Nachfrage nach
Gütern und Dienstleistungen käme den Unternehmen unmittelbar zugute.
Nicht nur der mögliche Wachstumsimpuls könnte die Arbeitgeberseite
überzeugen. Mindestlöhne könnten einen nicht unbeträchtlichen
Motivationseffekt zeitigen, der sich in der Arbeitswelt ganz sicher
positiv bemerkbar machen würde. Motivierte Beschäftige sind nicht nur
produktiver, sondern auch zufriedener mit sich selbst und ihrer
Erwerbstätigkeit. Die Personalfluktuation, die vor allem im
Niedriglohnsektor zu beobachten ist, nähme entscheidend ab, neue Kräfte
bräuchten nicht ständig angelernt zu werden, alle wären aufeinander
eingespielt.

Heftiger Gegenwind kommt allerdings aus der
neoklassischen Ecke, wo freie Märkte scheinbar für ein Allheilmittel
gehalten werden. Unter den Widersachern befinden sich die
Arbeitgeberverbände, die oberen Wirtschaftszirkel, gewisse Professoren
(etwa Hans-Werner Sinn vom Münchner ifo Institut für
Wirtschaftsforschung), die allseits bekannten Fürsprecher
tiefgreifender neoliberaler Reformen also. Der Arbeitsmarkt könne
weitere Reglementierungen kaum vertragen, meinen die Gegner, die eine
gewaltige Kostenlawine auf die Unternehmen zurollen sehen. Der
Stellenabbau werde durch die Einführung von Mindestlöhnen nur forciert.
Ihrer Meinung nach verschärften alle Lohnformen, die nicht an der
Produktivität orientiert sind, die Arbeitsmarktkrise. Der grassierenden
Armut im Lande könne so nicht begegnet werden. Wer arm ist, bleibt arm
– und das auch noch ohne wirkliche Chance auf Arbeit. Dann doch lieber
eine nach unten offene Lohnskala, die an der aktuellen Marktsituation
ausgerichtet ist. Schließlich gelte, wie Michael Hüther, Direktor des
Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, meint: „Besser working poor als nur poor.“

Zu
Recht betont Hüther, wie wichtig und bedeutsam Arbeit für die Menschen
ist. Doch unter der Hand bestätigt er, dass eine geregelte
Erwerbstätigkeit arm machen kann. Mitunter reichen selbst mehrere
Minijobs nicht hin, um der Armut zu entkommen.

Die von
der Arbeitgeberseite betriebene ökonomische Engführung der Debatte kann
einen wirklich aufregen. Vor allem, weil dabei die ethische Komponente,
die mit Mindestlöhnen verbunden wird, gänzlich unter den Tisch fällt.
Der Mindestlohn als Minimallohn stellt im Grunde ein Minimum an Respekt
für viele sozial Schwache in der Gesellschaft dar, eine Anerkennung
ihrer Arbeitsleistung, ihres Beitrags zum Wohle der Gemeinschaft,
letztlich ihres Menschseins. In Deutschland gilt nach wie vor: Du
„bist“, was du beruflich machst. Soziales Ansehen wird vielfach mit dem
Prestige des Berufs und den individuellen Einkommensverhältnissen
kurzgeschlossen. Wer nichts oder nur sehr wenig verdient, der „ist“
auch nichts.

Den „Chef“ möchte ich sehen, der den Mumm
(oder die Abgebrühtheit) hat, einem Arbeitnehmer ins Gesicht zu sagen:
Deine Arbeitsleistung, die du hier erbringst, ist nicht mehr wert als
3,00 Euro pro Stunde. Der Nutzen, den du dem Unternehmen stiftest, dein
Anteil an der Wertschöpfung kann auf keinen Fall höher bewertet werden.
3,00 Euro – mehr nicht!

Wer nähme diese Worte nicht persönlich und fühlte sich abqualifiziert, gar gedemütigt?

Eine Meinung

  1. Leichter kann sich Herr Paetow seine Argumentationsweise kaum machen. Erstmal wird jeder Verunglimpflicht der gegen einen minimum Stundenlohn ist und wer hätte das gedacht, die Allzweck Buhmänner, die neo Liberalen müssen herhalten. Auf die Möglichkeit das sie wenigstens ein fundiertes Argument gegen Mindstlohn haben, brauch man nicht ernsthaft eingehen, mit einem Pauschal Angriff auf der Person aller Andersdenker ist das Problem dann schon gegessen. Nun kann man die Idee des Mindestlohns respektabel machen indem man darauf hinweist das in anderen Soziaalstaaten Europas, die schon öfter wiederlegte Idee des Mindestlohns, auch Fürsprecher hat.Das reicht schon. Wie sich die Einfuhr eines Mindestlohns auf die Arbeitslosenzahlen auswirkt, brauch nicht diskutiert zu werden.So können alle Gutemenschen ihre Parolen gegen Markt loswerden und weiter träumen von einer Welt in der die böse Wirklichkeit nicht eindringt. In der wir nicht abhängig sind von Autopreisen in der anderen Welthalbkugel, weil unsere Kanzlerin einen „Esel streck dich“ im Vorgarten hat, womit alle Arbeit subventioniert wird, ohne das wegen höheren Steuertn, unsere Güter teurer werden.

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