Alex Capus: Fast ein bisschen Frühling

Marie und Ernst sind sich ein ebenbürtiges Verlobten-Paar. Ohne
Zweifel, sie würden sich das Leben dereinst zur Hölle machen. So kam
es, dass Jahrzehnte später Max Mohn für die Rekonstruktion dieser
wahren Begebenheit,  die sich 1933/34 in Wuppertal und Basel
zutrug, mit seinen Gewährsleuten, den beiden Großeltern, getrennt reden
muss. Großvater Ernst verübelt seiner Marie immer noch, dass sie damals
als Aushilfsverkäuferin in der Sportabteilung und Kollegin von Dorly
kurzfristig mit in den Fall verwickelt war.
Wieder hat Capus einen
interessanten historischen Fall zum Romanstoff gewählt. Es handelt sich
um eine Räubergeschichte, die auch heute noch das Blut in Wallung
bringen kann. Sandweg und Velte waren auf der Flucht vor dem Naziregime
und der Polizei, wollten nach Indien entweichen, kamen aber der Liebe
wegen nur bis Basel und blieben dort hängen. Kurt verliebt sich in die
Schallplattenverkäuferin Dorly Schupp und kauft nun Tag für Tag eine
neue Tango-Platte. Nach Feierabend gehen die drei am Rhein spazieren
und an zwei Abenden ist auch die Verkäuferin Marie Stifter, die spätere
Großmutter des Erzählers, die sich damals entscheiden musste zwischen
dem Bankräuber und ihrem späteren Verlobten, mit von der Partie.
Dies währt jeweils solange, bis das Geld aufgebraucht ist und ein
weiterer Bankraub ihnen neue Barmittel verschaffen muss.
Capus erzählt diese tragische, damals sehr sensationelle Geschichte bis
zum bitteren Ende einfühlsam und zurückhaltend. Nie wird er Voyeur oder
hämischer Betrachter. Ergänzend zum kriminellen Geschehen liefert der
Autor wunderbare kleine Szenenbeschreibungen des alltäglichen Lebens
der Protagonisten, sein Blick verrät ein sicheres Gefühl für die
kleinen Tragiken des Alltags. Diese frei erzählten Passagen ergänzen
mit ihrer Leichtigkeit das Zitieren offizieller Quellen, der Leser
leidet mit den Figuren und liest sich mit  Humor und zugleich
wachsender Ratlosigkeit oder Verständnis für die beiden Räuber und
Mörder durch dieses Taschenbuch, an dessen Ende auch eines gewiss ist:
Marie und Ernst werden bis heute weiter streiten. (dtv 2004)

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