Abschied von der Realität ? Washington auf dem Weg zur Alptraumfabrik der Weltpolitik

(Abbildung: Buch-Cover "Bush auf der Couch")

Wenn ein mutiger CIA-Analyst die morgendliche präsidiale Lagebesprechung mit einem Bericht über den dramatischen Anstieg von Anschlägen gegen die US-Truppen im Irak stört, fragt Mr. Bush gerne laut in die Runde: „Is it Bagdad Bob?". Mit diesem „Bob" ist der letzte Saddam-Sprecher Tarik Assis gemeint, der verkündete noch während der Besetzung Bagdads die glorreichen Siege der irakischen Armee. So ist „Bagdad Bob" zum abwertenden Synonym für die Verkünder unerwünschter Nachrichten geworden. Solche und ähnliche Begebenheiten lassen sich in Bob Woodwards neustem Buch „State of Denial" nachlesen.

Nun ist Realitätsverlust in den höchsten Ämtern der Macht ja nichts Ungewöhnliches. Wohlmeinend könnte man sogar behaupten, dass große politische Visionen immer auch einen guten Teil Selbstsuggestion benötigen. – Es macht unbedingt glaubwürdiger, wenn man den Unfug den man anderen erzählt auch selber glaubt.

Was tut der Mächtige aber, wenn seine Autosuggestion nachlässt und sich die aufdringlichen Realitäten einfach nicht mehr umvisionieren lassen?

Die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Nora Ephron hegt da einen Verdacht. Als Kolumnistin der „Huffington Post" spekulierte sie im vergangenen Jahr über George W. Bushs Antidepressivakonsum. Sie beschrieb eine ganze Reihe misslungener Präsidentenauftritte und Bemerkungen. Schließlich warf Ephron die Frage auf, ob Bush nicht dauerhaft unter dem Einfluss von Medikamenten stehe. Typisch dafür seien seine oft verlangsamten Bewegungen, „als gehe er unter Wasser". So ganz abwegig sind solche Vermutungen eigentlich nicht, besonders wenn man Bushs lange Krankengeschichte als Alkoholiker berücksichtigt. Bereits Mitte der 1980er Jahre geriet Bush wegen übermäßigen Drogen- und Alkoholgenusses in die Schlagzeilen. Im Alter von 40 Jahren wurde er Methodist, um fortan als Wiedergeborener Christ völlig auf Alkohol zu verzichten. Heute bezeichnet sich der Mann selbst als trockenen Alkoholiker, der seine Heilung als Resultat religiöser Erleuchtung sieht.

Diese Art Überlegungen sind übrigens nicht neu, im Jahr 2004 malte der Psychoanalytiker Dr. Justin Frank in seinem Buch „Bush auf der Couch" ein beunruhigendes Porträt des Präsidenten. Frank orakelte damals: „George W. Bush leidet unter erheblichen geistigen Störungen und seine Wiederwahl gefährdet die Weltsicherheit."

So undespektierlich Erörterungen über den präsidialen Geistes- und Bewusstseinszustand auch sein mögen, so beängstigend werden sie, wenn man nach der Vision fragt, die ein „Wiedergeborener Christ" wohl träumen könnte? Wenn er von Erlösung träumt, dann hat die Welt ein Problem. Erlösung ist nämlich – nicht nur aus methodistischer Sicht – unbedingt erst nach Armageddon, also der finalen Schlacht gegen das Böse mit anschließendem Weltuntergang zu erlangen.

Richtig übel wird der Alptraum jedoch, wenn wir uns die Gegenseite in diesem „Plot" anschauen. Die „Mächte der Finsternis", treffend als Achse des Bösen bezeichnet, hantieren mit ganz ähnlichem pseudoreligiösen Psychoabfall. Kim Jong Ils Nordkorea wird wie ein Sektencamp regiert und der kleinwüchsige Diktator (er trägt Stiefel mit Spezialabsätzen) will seine Komplexe demnächst mit einem Atomtest sublimieren. Montag ist ein Feiertag in Korea, vielleicht ist es schon morgen soweit?

Der andere „Teufel" ist Irans Ministerpräsident Ahmadinedschad. Sein Konfrontationskurs wird offensichtlich vom „Obersten Wächterrat", der letzten Instanz in der Teheraner Theokratie gebilligt. Als Schiit, also als ein Anhänger der Partei Alis, huldigt er einem bizarren Todeskult. Die radikalen Schiiten halten sich nicht nur streng an den Koran, sondern betrachten auch die anderen Muslime als todeswürdige Ketzer. Blutbrunnen, Selbstgeißelungsorgien und praktiziertes Märtyrertum dokumentieren eindrücklich auch die „Dooms Day"-Tauglichkeit der iranischen Führung.

Alle Beteiligten wähnen sich selbstverständlich am guten Ende der verbogenen Weltenachse. Als Macht des „Guten" darf man den Weltuntergang dummerweise nicht willentlich herbeiführen, aber man könnte doch Umstände quasi fahrlässig dulden, die die Komplett- erlösung versehentlich verursachen?

Eine erfolgversprechende Maßnahme auf dem Weg zum "Jüngsten Gericht" ist aus dieser Perspektive die Umrüstung von ballistischen Interkontinentalraketen zu konventionellen Waffen. Das US-Verteidigungsministerium hat schon im Januar angekündigt, mit 96 Trident-II Raketen so zu verfahren. Diese Aktion ist sicherheitspolitischer Wahnsinn, da niemand einer startenden Interkontinentalrakete ansehen kann, ob sie atomar oder konventionell armiert ist.

Der russische Präsident Vladimir Putin ließ im Mai keinerlei Zweifel an der möglichen Reaktion auf solche Raketenstarts: "Das Abfeuern einer solchen Rakete könnte einen kompletten Gegenschlag mittels der Nuklearstreitkräfte provozieren."

Da erfüllt mich die Meldung, dass Bush Senior Venezuelas Präsidenten Chávez lediglich als Arsch bezeichnet, direkt mit Zuversicht. Mit Ärschen kann man nämlich verhandeln aber mit dem Teufel? – Soviel zum heraufziehenden Jahrhundert der Religionen.

Die Chefarztrau

Eine Meinung

  1. Na, nicht zu vergessen, wie Chavez den amerikanischen Praesidenten titulierte. Das ist ein Kleinkrieg, der zwar unterhaltsam ist, jedoch leider nicht dazu angetan, an den ernsten Themen etwas zu aendern.Bedauernswert ist tatsaechlich der Realitaetsverlust in der amerikanischen Regierung, die taeglich neue Bestaetigungen benoetigt, um Dinge nach wie vor nicht zu begreifen, die seit mehr als drei Jahren jedes ind auf dem Planeten weiss.-m*sh-

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